Harry Gelbfarb - Gründer des ersten Bodybuilding-Studios Deutschlands - natürlich in Schweinfurt

Danke an Peter Steinmüller für Text- und Bilddateien!

Fußball, Korbball, Hockey … Schweinfurt ist für eine Reihe von Sportarten bekannt, doch eine wird üblicherweise nicht mit der Kugellagerstadt in Verbindung gebracht: Bodybuilding. Doch war es im Graben 26, wo im Januar 1956 Harry Gelbfarb das erste Bodybuilding-Studio Deutschlands gründete.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Gelbfarb schon ein abenteuerliches Leben hinter sich: 1930 in Wien geboren, wurde er von seiner jüdischen Mutter auf Druck ihres Vaters in ein Waisenhaus gegeben. Mit  vier Jahren wurde Gelbfarb von einem jüdischen Ehepaar als Pflegekind aufgenommen. Doch schon kurze Zeit später endete das Familienidyll, als die Pflegeeltern nach der Annektion Österreichs durch das nationalsozialistische Deutschland ins KZ gesteckt wurden. Der kleine Harry kam mit elf Jahren erneut in ein jüdisches Kinderheim. Dessen Schützlinge wurden nach und nach in die Vernichtungslager deportiert. Harry blieb dieses Schicksal nur erspart, weil die mutige Leiterin des Kinderheimes einen katholischen Priester überzeugte, Harry einen gefälschten Taufschein auszustellen. Den Krieg überlebte Gelbfarb halbverhungert, tuberkulosekrank und mit Herzproblemen. Auch seine Pflegeeltern hatten ihr Leben über die Nazi-Zeit gerettet.

 

 Als er im Jahr 1947 mit seiner Mutter in die USA auswanderte, bauten sich die beiden eine kärgliche Existenz in New York auf.  Dort lernte Gelbfarb bald ein Bodybuilding-Studio von innen kennen, wo er mit Begeisterung zu trainieren begann. Mit seinem Training fuhr Gelbfarb fort, nachdem er 1951 zur US-Armee eingezogen worden war. Der Zufall wollte es, dass er in dem Land stationiert wurde, dessen Diktatur nur wenige Jahre zuvor sein Leben bedroht hatte: Für ein Jahr war Gelbfarb in Schweinfurt stationiert. Dort lernte er nicht nur die Sportlehrerin Elly Böttcher kennen und lieben, sondern gewann einige einheimische junge Männer für gemeinsames Muskeltraining. Nach der Armeezeit suchte Gelbfarb erst einmal in Kalifornien als Physiotherapeut und Statist in Hollywood-Produktionen sein Glück, bevor er 1955 nach Schweinfurt zurückkehrte, um seine Elly zu heiraten.

Harry und Elly Gelbfarb - wohl Ende der 1950er-Jahre
Harry und Elly Gelbfarb - wohl Ende der 1950er-Jahre

Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, gründete Gelbfarb am 1. Januar 1956 im Graben 26 das erste Bodybuilding-Studio Deutschlands und schrieb damit Sportgeschichte.  Die Bedingungen waren primitiv: Der Raum war winzig, im Winter war es eiskalt, bei Regen drang Wasser durch das Dach. Die Bänke und Apparate hatte Gelbfarb selbst aus alten Wasserleitungsrohren gebastelt, die Hantelscheiben in einem örtlichen Handwerksbetrieb gießen lassen. Dafür zahlten die Schüler 10 DM im Monat, ein erheblicher Betrag zu Zeiten, als viele von ihnen als Lehrlinge 40 oder 50 DM in der Woche verdienten. Ungeklärt bleibt bis jetzt, wie lange Gelbfarb das Studio im Graben 26 betrieb. Vermutlich bereits nach einem halben Jahr wechselte er zu größeren und komfortableren Räumlichkeiten in der Friedhofstraße 16. Als im Jahr 1959 in Turin die ersten Bodybuilding-Europameisterschaften ausgeschrieben wurden, wollte Gelbfarb teilnehmen. Als er erfuhr, dass an dem Wettkampf nur Mitglieder nationaler Verbände teilnehmen konnten, gründete er flugs mit seiner Frau und fünf seiner Schüler den ersten deutschen Bodybuilding-Verband. Damit war er zudem Chef der ersten deutschen Nationalmannschaft in dieser Sportart, die im VW-Käfer den Brenner überquerte, um am Wettkampf teilzunehmen. Dadurch auf den Geschmack gekommen, veranstaltete Gelbfarb kurze Zeit später in München die erste deutsche Meisterschaft im Bodybuilding.  Mit Hans Glaab errang ein Schüler Gelbfarbs den Titel des Mr. Germany in der Klasse bis 172 cm Körpergröße.

Harry Gelbfarb (links) und Hans Glaab
Harry Gelbfarb (links) und Hans Glaab
Harry Gelbfarb Studio Friedhofstraße - Harry Gelbfarb in seinem Studio in der Friedhofstraße, umringt von seinen Hanteln
Harry Gelbfarb Studio Friedhofstraße - Harry Gelbfarb in seinem Studio in der Friedhofstraße, umringt von seinen Hanteln

In den sechziger und siebziger Jahren widmete sich Gelbfarb wieder verstärkt seinem Geschäftserfolg: In Nürnberg betrieb er ein großzügiges Studio, bevor er 1973 im neu errichteten Zentrum Oberer Marienbach auf 330 Quadratmetern ein hochmodernes Studio einrichtete: Auf rotem Teppichboden stand eine Vielzahl moderner Geräte mit verchromten Oberflächen. Nach dem Training lockten Whirlpool, Sauna und Solarium. Als Ende der siebziger Jahre zunehmend Frauen in die Studios strömten, rekrutierte Gelbfarb unter ihnen die Teilnehmerinnen für Bodybuilding-Wettkämpfe in der Region. Damit war er einer der ersten Veranstalter in Deutschland und damit auch Pionier des Frauen-Bodybuildings. Nach zehn Jahren verkaufte Gelbfarb sein Studio und zog nach Oceanside in Kalifornien, wo er bis 1993 ein kleines Studio betrieb.

 

Im Jahr 1993 kehrte Gelbfarb nach Schweinfurt zurück. Im holzvertäfelten Fittnessraum in ihrem Haus in Zell trainierte das Ehepaar Gelbfarb regelmäßig an Geräten, die sie teilweise aus ihren Studios mitgenommen hatten. 2005 starb Harry Gelbfarb. Rund zehn Jahre zuvor hatte er geschrieben: „Ich möchte niemals den Fehler begehen, mein Leben künstlich zu verkürzen, indem ich die Hände in den Schoß lege und beginne, auf den Tod zu warten.“

 

Mehr Informationen zum Leben von Harry Gelbfarb und seine Bedeutung für die Entwicklung der Fitnessstudios gibt es unter www.harry-gelbfarb.de.