Margarita Calvary, geb. Silberstein - Geschichte einer Schweinfurter Jüdin

Gretl Silberstein (x) 1935 in ihrer Schweinfurter Schulklasse
Gretl Silberstein (x) 1935 in ihrer Schweinfurter Schulklasse

Frau Margarita Calvary wurde am Sonntag, den 30. April 1922 in Schweinfurt als Tochter des Schuhfabrikanten Ludwig Silberstein geboren. Damals trug sie den Namen Gretl Silberstein. Sie hatte zwei Brüder.

 

Zunächst hatte sie eine glückliche Kindheit in Schweinfurt. Ihr Vater Ludwig Silberstein wurde zusammen mit seinen fünf Geschwistern in Schweinfurt geboren. Sie lebte in einer alteingesessenen Schweinfurter Familie. Frau Calvary kannte noch ihre Urgroßmutter, die ebenfalls in Schweinfurt wohnte. Ihre Mutter wurde in Rothenburg ob der Tauber geboren (deren Mutter wiederum in Aschaffenburg). Die Familie war ab 1908 in Regensburg wohnhaft, ihr Großvater mütterlicherseits lebte ab 4. April 1933 eineinhalb Jahre in Schweinfurt und war dann immer wechselweise bei Tochter Rosengold in Regensburg, später München bzw. in Schweinfurt.

 

Frau Calvary stammte aus einer gut situierten bürgerlichen Familie. Ihr Vater war Schuhfabrikant. Die Schuhfabrik Silberstein war nahe dem Obertor in Schweinfurt angesiedelt. Ludwig Silberstein war ein feinfühliger und sehr kultivierter Bürger Schweinfurts. Frau Calvary erinnert sich noch, dass er zu Hause Auszüge aus „Faust“ von Goethe oder aus „Nathan der Weise“ von Lessing zu zitieren pflegte. Er war ehrenamtlicher Handelsrichter der Städtischen Handelskammer und 1. Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Schweinfurt.

Schuhfabrik Silberstein & Neumann , Ende der 1920er-Jahre; Foto: Stadtarchiv
Schuhfabrik Silberstein & Neumann , Ende der 1920er-Jahre; Foto: Stadtarchiv
alte Anzeige der Schuhfabrik
alte Anzeige der Schuhfabrik
Aktie der Schuhfabrik Silberstein 1920
Aktie der Schuhfabrik Silberstein 1920

Gretl Silberstein (Margarita Calvary) fühlte sich sehr heimisch in Schweinfurt und hatte gute Freundinnen, mit denen sie viel Zeit verbringen durfte.

 

Ab 1929 besuchte sie die Grundschule in Schweinfurt. Nach Beendigung dieses Schulabschnittes wechselte sie in das Städt. Mädchenlyceum.

 

Doch ab dem Jahre 1933 wurde plötzlich alles anders. Ihr Leben änderte sich mit einem tiefen gesellschaftlichen Einschnitt. Bis zu jenem Zeitpunkt war ihr nicht im mindesten bewusst gewesen, dass sie anders sein könnte als andere Schweinfurter Mitbürger. Doch ab dem 01. April jenes Jahres übernahm die NSDAP mit ihrem arischen Dünkel und ihrem grausamen Walten das Zepter in der Stadt und begann, jüdische Geschäftsleute zu boykottieren und zu verunglimpfen.

Deutsche Freundinnen verließ zunehmend der Mut die Schülerin Gretl Silberstein auf ihrem Weg zur Schule zu begleiten oder sich mit ihr irgendwo sehen zu lassen. Mit der Zeit schienen diese sie nicht einmal mehr zu kennen. Immer mehr Mitschüler besuchten die Schule in der Uniform des Bundes Deutscher Mädel, die Gretl Silberstein und einer weiteren jüdischen Mitschülerin, die die selbe Klasse besuchte, vorenthalten wurde.

Frau Calvary meint im Nachhinein, es habe Momente gegeben, in denen sie diese Diskriminierung kompensieren konnte, indem sie sich im Sport mit ganz besonderen Leistungen auszeichnen konnte. Sport war im nationalsozialistischen Bildungssystem an ganz exponierter Stelle und mit eines der wichtigsten Schulfächer. Wohl deshalb hat man sie auch eine gewisse Zeit mit Distanz respektiert.

Diese Zeit der Pubertät war für Frau Calvary extrem schwer, vor allem bis 1938, als sie  noch rechtzeitig das „Deutsche Reich“ verlassen konnte.

Die Jüdische Synagoge in Schweinfurt vor ihrer Zerstörung
Die Jüdische Synagoge in Schweinfurt vor ihrer Zerstörung

Frau Calvary meint heute folgendes hierzu: „ Ich wusste immer, dass ich Jüdin war – meine Familie war nicht orthodox, aber an jüdischen Feiertagen gingen wir in die Synagoge und feierten zu Hause im Familienkreis – obwohl ich all dies nur als eine traditionelle Pflicht empfand. Ich glaube, ich habe mich mehr deutsch als jüdisch gefühlt zu jener Zeit - ich hatte immer von meinem Vater gehört, dass er im ersten Weltkrieg 1914 – 1918 gekämpft hatte und dass er aufgrund seiner Tapferkeit vor dem „Feind“ mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet und zum Leutnant befördert worden war. Einer seiner Brüder ist in diesem Krieg für Deutschland gefallen. Aber am 01. April 1933 habe ich erfahren, dass ich „anders“ war, und von nun an begannen wir, unseren eigenen jüdischen Sportplatz zu gründen und unsere eigenen Ausflüge und Treffen zu organisieren“.

 

Frau Calvary hatte damals die Idee nach Israel auszuwandern, doch nur der jüngere ihrer beiden Brüder ging mit einer Gruppe junger Menschen im Jahre 1936 dorthin, um einen Kibbuz zu gründen. Ihr älterer Bruder wanderte 1935 nach Argentinien aus. Frau Calvary`s Vater wollte nicht, dass sie sich einer Kibbuz-Gründung anschließt und mit der Zeit ließ auch die vorübergehende zionistische Begeisterung bei Frau Calvary nach.

„Alle diese zum jüdisch nationalen Zionismus hin orientierten Gefühle entsprangen der Notwendigkeit, eine Form der Identität zu finden. Jedoch im Hinblick auf die Religion,“ so Frau Calvary, „ habe ich mich nie als Jüdin identifiziert, weder was den jüdischen Glauben noch was die Bräuche der jüdischen Tradition betrifft. Religion als Dogma hat mir nie etwas vermittelt – ich konnte von der religiösen Ausübung absehen. Trotzdem glaube ich, dass ich immer versucht habe, einen Weg zu finden, der meiner Wesensart entsprechen würde, und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass alle Religionen einen gemeinsamen Ursprung haben und dass die Essenz wichtiger als das Dogma jedweder Religion oder philosophischen und spirituellen Strömung ist."

Das Grab des Ludwig Silberstein im Schweinfurter Hauptfriedhof
Das Grab des Ludwig Silberstein im Schweinfurter Hauptfriedhof

Im Jahre 1937 erkrankte der Vater Frau Calvarys , denn die Enteignung seiner Fabrik durch die Nationalsozialisten traf ihn schwer. Noch im gleichen Jahr verstarb Ludwig Silberstein und Gretl Silberstein (Frau Calvary) brach die Schule ein Jahr vor dem Abschluss ab. Ihre Mutter, eine umsichtige, intelligente und energische Frau, sehr um ihre Familie besorgt, schickte Gretl Silberstein im Mai 1938 nach London, was ihr letztendlich wohl auch das Leben rettete. Es war nicht leicht für sie, denn sie sprach kein Wort englisch. Dort zahlte ihr eine philanthropische Vereinigung den Aufenthalt. Im Gegenzug musste sie als Dienstmädchen arbeiten. Sie war mittellos, denn jüdische Auswanderer durften kein Geld ausführen.

Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Oktober 1937
Artikel in der "Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 15. Oktober 1937
Frau Calvary mit ihrem Ehemann Ernesto Calvary 1984
Frau Calvary mit ihrem Ehemann Ernesto Calvary 1984

In London hatte sie die Gelegenheit, die National Gallery zu besuchen und begeisterte sich für die bildende Kunst, insbesonders die Werke von Rembrandt und Turner. Aber noch verschwendete sie keinen Gedanken an die Malerei.

 

Ende des Jahres 1938, nach 6-monatigem Aufenthalt in London, sorgte ihr Bruder dafür, dass Frau Calvary als auch ihre Mutter nach Argentinien übersiedeln konnten. Dort musste sie sich neue Arbeit suchen. Zunächst arbeitet sie eineinhalb Jahre als Kindermädchen, dann drei Jahre als Sekretärin.

 

Im Jahre 1942 heiratet Gretl Silberstein Ernesto Calvary und hieß von nun an Margarita Calvary.

 

Von 1944 bis 1947 erlernte sie den Schwesternberuf und machte ihr Abschlussexamen. In jener Zeit fand sie eine sehr gute Freundin, die Anthroposophin war und ihr hat sie es zu verdanken, dass sie einen guten Einblick in die ihr wichtige Philosophie Rudolf Steiners bekam.

 

1947 bringt Frau Calvary ihre erste Tochter zur Welt, 1950 stirbt ihr Sohn kurz nach der sehr komplizierten Entbindung, die ihr fast das Leben gekostet hatte.

 

1953 bringt sie entgegen dem ärztlichen Rat, die Schwangerschaft nicht auszutragen, eine zweite, gesunde Tochter zur Welt.

 

Frau Calvary 1960 in Buenos Aires beim Musizieren mit ihren Töchtern Daniela und Ana
Frau Calvary 1960 in Buenos Aires beim Musizieren mit ihren Töchtern Daniela und Ana

In der Folgezeit widmete Frau Calvary sich den gesellschaftlichen Verpflichtungen, die eine Ehe mit einem Manager mit sich bringt sowie der Erziehung ihrer Töchter. Doch wann immer ihr die Zeit dazu blieb, nahm sie an Vorlesungen in Psychologie und Philosophie teil. Sie litt darunter, kein Studium absolviert haben zu können. Dennoch verspürte sie den ständigen Drang sich weiter zu bilden und damit auch persönlich voran zu kommen.

 

1963 nahm sie ihren alten Traum wahr, Violine zu lernen. Dies hatte sie beim Schulabbruch in Deutschland aufgeben müssen. Das Musikstudium begeisterte sie und sie übte konsequent und hart, sodass sie schließlich in kleinen Kammer-Ensembles mitwirkte.

 

Doch verspürte sie weiterhin den Drang, Neues zu erlernen. 1969 nahm sie Unterricht für Dekoration und anschließend weitere zwei Jahre für Dekoration und Innenarchitektur.

 

Nach diesen Jahren verspürte sie den Wunsch, Zeichnen zu lernen. Auch interessierte sie sich für Malerei.

Alfredo Garzón 1988 mit Margarita Calvary (Mitte) in Galeria Biosca, Madrid
Alfredo Garzón 1988 mit Margarita Calvary (Mitte) in Galeria Biosca, Madrid

1973 ergriff sie die Initiative und suchte nach einer Unterrichtsmöglichkeit in Malerei.

Frau Calvary: „Durch Zufall stieß ich auf Alfredo Garzón, der auf experimenteller Basis lehrte und es verstand, meine Imagination anzuregen, von deren Existenz ich bisher noch nichts gewusst habe. Aber es war nicht nur Begeisterung und Vergnügen, die dieser Unterricht mit sich brachte, sondern beharrliche Arbeit und die Bereitschaft, die Wahrheit über sich selbst zu erfahren.“

Sechs Monate später schon, Ende 1973, musste Frau Calvary mit ihrem Ehemann Ernesto nach Madrid umziehen. Sie fühlte sich dort schnell heimisch. Von da an malte sie alleine, wenn auch zwischenzeitlich mit kurzen Besuchen bei Alfredo Garzón, den sie in Buenos Aires aufsuchte oder ihn in Madrid sehen konnte, später auch in Paris, wo sich Garzón nieder ließ. Was ihr am meisten im Gedächtnis blieb ist nicht „wissen wollen“ sonder „fühlen“ und „mit Liebe arbeiten“.

 

1977 nahm sie all ihren Mut zusammen und unternahm die erste Ausstellung ihrer Werke. Sie hatte Erfolg und sie erhielt gute Kritiken.

Sie besuchte weiter nun Kurse des spanischen Malers José Mendez Riuz, bei dem sie lernte, Stillleben zu malen und mit Kohle zu zeichnen.

Margarita Calvary (links) mit Emma Gans 1978
Margarita Calvary (links) mit Emma Gans 1978

1980 folgte die zweite Ausstellung mit neuen Werken in der Galeria Zodiaco in Madrid. Sie trifft nun Emma Gans, eine Zeichenlehrerin der Universität La Plata in Argentinien und nimmt bei ihr Zeichenunterricht.

 

1982 erneut eine Ausstellung in der gleichen Galerie in Madrid. Dort bat sie der Kunstkritiker Rául Chávarri, ein Buch über ihre Werke schreiben zu dürfen.

 

1983 erfolgt erneut eine individuelle Ausstellung in der Galerie Joan de Serrallonga in Barcelona.

1984 folgt eine kollektive Ausstellung in der Galerie Kreisler in Madrid.

In diesem Jahr wagt sich Frau Calvary wieder nach Deutschland – Regensburg - und macht aufgrund ihrer Verbindung zum dortigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Hans Rosengold eine Ausstellung in der Stadtbibliothek. Die Familie ihrer Mutter stammte aus Regensburg, wo Frau Calvary stets die Ferien verbracht hatte.

Hans Rosengold erzählte dies der Schwester des Verfassers dieser Website, der damals Mitglied des Stadtrats in Schweinfurt war und so kam diese Nachricht nach Schweinfurt, die unverzüglich dem damaligen Oberbürgermeister Kurt Petzold weiter gegeben wurde und der sofort eine Ausstellung in Schweinfurt anbot.

1985 kam es dann zur Ausstellung Frau Calvarys in der Städt. Sparkasse in Schweinfurt.

Frau Calvary hierzu: „Dies war ein guter Entschluss, der eine wahrhafte Emotion zur Folge hatte........ Im Hof der Städtischen Sparkasse hat man ein Denkmal an dem Platz, an welchem die Synagoge zerstört worden war und wo man eine vergrabene Thora gefunden hatte, errichtet. Man hat mich dort gut aufgenommen und ich glaube gespürt zu haben, dass man die Bedeutung des Augenblickes empfunden hat. Alte Angestellte der Fabrik meines Vaters waren gekommen, Freundinnen aus meiner Schule und Funktionäre der Stadt. Ich fühle keinen Hass (ohne jemals das Unsagbare, das die in die Konzentrationslager deportierten Juden erlebten, zu vergessen – die Mutter und der Bruder meines Mannes sind dort gestorben). Während ich durch die Straßen der Stadt ging, erschien mir diese wie ein ferner und fremder Ort – trotzdem, manchmal in blitzartigen Momenten – beim Einatmen eines vergessenen Geruches, beim Klang irgendeines Tones oder beim Wahrnehmen eines Eindrucks – stellt sich ein plötzliches, eigenartiges Gefühl tiefer Zuneigung ein. Jedes Mal besuche ich das Grab meines Vaters – manchmal finde ich dort von irgendeiner unbekannten Hand niedergelegte Blumen.“

Im gleichen Jahr stellt Frau Calvary in der Galeria Torres-Begué in Madrid aus.

 

 

1987 macht Frau Calvary eine Ausstellung in Berlin in der Galerie Brigitte Wölffer. Wiederum ist dies ein bedeutsames Ereignis für Frau Calvary, denn Berlin war die Geburtsstadt ihres Mannes. Dort wurde er 1934 im Alter von 18 Jahren von der Gestapo verhaftet.

Bei der Eröffnung der Ausstellung hielt der Kulturdezernent des Senats Berlin und der Präsident der jüdischen Gemeinde Berlin Ansprachen – eine Begebenheit, so Frau Calvary, die nicht nur sie sondern alle Anwesenden tief berührte.

 

Oberbürgermeister Kurt Petzold ließ den Kontakt zu Frau Calvary nicht mehr abbrechen und es entwickelte sich eine Freundschaft.

Vom 16. Mai - 07. September 2003 kommt es schließlich zu einer weiteren Ausstellung der Werke von Frau Margarita Calvary in der damaligen Galerie Alte Reichsvogtei und findet großen Anklang.

Im Herbst 2003 entschloss sich Frau Calvary, endgültig nach Schweinfurt zurück  zu kehren. Als Gretl Silberstein wurde sie während des Nazi-Regimes aus Schweinfurt vertrieben, als Margarita Calvary kehrte sie ohne Groll nach Schweinfurt zurück und wohnt seither im Augustinum.

 

2007 ernennt die Gruppe Schweinfurter Künstler Frau Margarita Calvary zu ihrem Ehrenmitglied und man traf sich im Augustinum zu einer Feierstunde. Aus den Worten des Schweinfurter Künstlers Peter Wörfel, dem Sprecher der Gruppe, sprach viel Bewunderung für das neue Ehrenmitglied. Sie sei als Mensch und Künstlerin beeindruckend. Ihr Umgang mit der Farbe in eigener Formensprache und ihre originellen Grafiken sprächen für ein tiefes Verständnis für künstlerisch-gestalterische Zusammenhänge, so Wörfel.

 


 

 

Margarita Calvary hat viele Freunde gewonnen und hat in der Friedenschule ein kleines Atelier, in dem sie auch mit 89 Jahren noch mit Schülern arbeitet.

Sie ist nicht nur eine große Künstlerin und eine sehr intelligente, kultivierte und überaus freundliche Frau. Sie ist auch ein Symbol der Versöhnung.

Sorgen wir alle dafür, dass sich Unrecht, wie Frau Calvary und ihre Familie es in Schweinfurt erleiden mussten, nicht mehr wiederholt.

Frau Calvary im Jahre 2011 mit Nurcan Hofmann auf einem Bayerischen Abend
Frau Calvary im Jahre 2011 mit Nurcan Hofmann auf einem Bayerischen Abend
Empfang zum 90. Geburtstag von Frau Calvary im Schweinfurter Rathaus (rechts im Bild neben Oberbürgermeister Sebastian Remelé)
Empfang zum 90. Geburtstag von Frau Calvary im Schweinfurter Rathaus (rechts im Bild neben Oberbürgermeister Sebastian Remelé)

Im Mai 2012 gab die Stadt Schweinfurt anlässlich des 90. Geburtstages von Frau Calvary einen festlichen Empfang in der Rathausdiele in Schweinfurt.

Frau Calvary verstarb am 8. Juli 2016 im Alter von 94 Jahren.

Weitere Information zur Geschichte jüdischer Mitbürger in Schweinfurt finden Sie unter: http://www.alemannia-judaica.de/schweinfurt_synagoge.htm

 

Traueransprache für Margarita Calvary, geboren am 30. April 1922 in Schweinfurt, verstorben am 8. Juli 2016

gesprochen am 15. Juli 2016 von Christian Pfitzner

 

Nach der Eingangsmusik:

Die Musik ist verklungen,

gern hätten wir noch länger zugehört

aber so ist das nun einmal:

die Takte, sie sind abgezählt,

weiter geht es nicht.

So ist das mit dem Menschenleben.

Auf einmal wird man sich der Stille bewusst und man fragt sich:

ist das Spiel des Lebens wirklich schon aus?

Und die Stille, sie antwortet lautlos:

Ja, das Spiel des Lebens ist beendet, verklungen für immer

wie dieses Lied.

Und dennoch klingt der Hall in uns nach.

 

Sehr verehrte Frau Ana Calvary,

sehr verehrte Frau Daniela Clavary,

sehr geehrte Trauergäste!

 

Diese Trauerfreier ist eine Dankesstunde.

 

Der Dank an einen großartigen Menschen, der Spuren hinterlassen hat.

 

Hier in Schweinfurt, Argentinien, Spanien und weit darüber hinaus.

 

Frau Margarita Calvary ist am Freitag, den 8. Juli im "Haus Augustinum" für immer eingeschlafen.

 

Ihr Lebenslauf, ja auch ihr Leidensweg ist Beispiel für Repressalien, Leid und Vertreibung durch die Nationalsozialisten.

 

Margarita Calvary verstarb im begnadeten Alter von 94 Jahren und blickte auf eine lange und auch bewegte Spanne der Zeitgeschichte zurück.

 

1922:

Gründung der Sowjetunion, Howard Carter entdeckt das Grab Tutanchamuns, in den Kinos läuft Murnaus Stummfilm "Nosferatu", Friedrich Ebert ist Reichspräsident.

Greti - so nennen sie die Eltern - erblickt hier in Schweinfurt im Haus der HypoVereinsbank das Licht der Welt.

 

Im gleichen Jahr wie auch der Politiker Egon Bahr, Tagesschausprecher Karl-Heinz Köpcke und der bayerische Volks-Schauspieler Gustl Bayrhammer.

 

Gretl wächst zusammen mit ihren älteren Brüdern Jacob und Hans bei den Eltern auf.

 

Die Familie steht fest verankert in der Gesellschaft.

 

Mit den Nachbarn aus der Kesslergasse feiern sie Weihnachten.

 

Ihren Vater, den Schuhfabrikanten Ludwig Silberstein beschreibt Margarita als einen feinfühligen und kultivierten Mann.

 

Er zitiert der Familie Gothes "Faust" und "Nathan der Weise" von Lessing.

 

Seine Firma befindet sich nahe dem Obertor.

 

Ihre Mutter ist als sensible, intelligente und energische Frau, immer um das Wohl der Familie besorgt.

 

In den 1930iger Jahren setzt in Schweinfurt ein Bauboom ein, der das Stadtbild bis heute prägt:

Das St. Josefs-Krankenhaus, die Hauptverwaltung der Fichtel&Sachs AG, das Ernst-Sachs-Bad und das Willy-Sachs-Stadion werden gebaut.

 

Gretl genießt eine glückliche "unproblematische" Kindheit, treibt viel Sport, unternimmt lange Ausflüge.

 

Nach der Grundschule folgt die "Höhere-Töchter-Schule".

 

Ziel ist das Abitur.

 

Zwei Lehrer sind überzeugte Nazis und lösen schlimme Erinnerungen aus:


Sie erinnert sich:

 

"Mein Leben änderte sich ab 1933 ganz entscheidend.

 

Bis zu jenem Zeitpinkt hatte ich keinen Unterschied zwischen meiner Umgebung und mir empfunden.

 

Meine Freundinnen haben Angst, mich auf der Straße zu grüßen."

 

Die Schulkameradinnen tragen Bund-Deutscher-Mädchen-Kleidung.

 

Gretl hat Glück, sie wird respektiert, weil sie eine gute Sportlerin ist.

 

Die NSDAP mit ihrem arischen Dünkel und ihren Greueltaten übernimmt das Zepter in der Stadt.

 

Sie beginnen, jüdische Geschäftsleute zu boykottieren und zu verunglimpfen.

Ihr Vater erkrankt noch vor der Progromnacht.

 

Er kämpfte im Ersten Weltkrieg an der Front.

 

Jetzt verweigert man ihm die Aufnahme ins Krankenhaus, da er kein Arier ist.

 

Wie soll das alles ein 11jähriges Mädchen verstehen?

 

1937 verstirbt ihr Vater.

 

Die Enteignung seiner Schuhfabrik raubte ihm den Lebensmut.

 

Gretl verlässt vorzeitig die Schule und wird von der Mutter nach London geschickt, wo sie einen Job als Dienstmädchen findet.

 

Die Flucht rettet ihr Leben.

 

So ganz ohne Englischkenntnisse fällt es ihr schwer, sich mit den sechs kleinen Kindern zu verständigen, die ihr anvertraut sind.

 

In der Freizeit besucht sie National Gallery, bewundert die großen Maler Rembrandt und Turner.

 

Ihr Bruder Hans lebt zu dieser Zeit in Argentinien.

 

Von dort organisiert er für Gretl und ihre Mutter die Ausreise aus England und Deutschland.

 

Nach nur sechs Monaten hieß es England wieder zu verlassen.

 

Über die Niederlande geht es mit dem Schiff nach Argentinien.

 

Dort angekommen, findet Gretl erst eine Anstellung als Kindermädchen und später als Sekretärin im Büro Ernesto Calvary.

Und wie das Schicksal so zuschlägt: beide verlieben sich und mit gerade mal 20 Jahren heiratet sie ihren Chef, ihre große Liebe, Calvary, einen Juden aus Berlin, der ebenfalls aus der Heimat flüchten musste.

 

Auch er versuchte seine Familie zu retten - doch der Plan scheitert:

 

Seine Eltern und der Bruder werden kurz vor der Flucht auf dem Bahnhof verhaftet und in das KZ Bergen-Belsen gebracht.

 

Ihr Schicksal ist ungeklärt.

 

Margarita will endlich einen Berufsabschluss absolvieren und lässt sich als Krankenschwester beim Roten Kreuz ausbilden.

 

Während dieser Zeit beschäftigt sie sich mit der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners.

 

Kurz nach ihrem Examen werden Margarita und Ernesto zwei Kinder geschenkt.

 

Die Töchter Ana und Daniela erblicken das Licht der Welt.

 

Ihr Sohn stirbt kurz nach einer komplizierten Entbindung, die sie fast das Leben kostet.

 

Das Leben wird in den kommenden Jahren von der Familie und von den gesellschaftlichen Pflichten bestimmt.

 

Trotz allem besucht sie Kurse über Philosophie, Psychologie und Ausdrucks-Gymnastik.

 

Während der ganzen Jahre belastet sie die Tatsache, dass sie keinen Schulabschluss erreicht hat.

 

Zu gern hätte sie Abitur gemacht.

 

Sie hat das bittere Empfinden "nichts zu wissen".

 

Sie ist unsicher, strebt danach zu lernen, Wissen in sich aufzusaugen.

 

Sicher, ihre Aufgabe als Familien-Managerin mit zwei Töchtern und dem großen Haus fordert sie - aber Margarita will mehr erreichen, es sich und den anderen beweisen.

 

Es steckt mehr in ihr.

 

Margarita erfüllt sich einen lang ehegten Traum.

 

Sie lernt Violine zu spielen.

Dank ihrer musikalischen Begabung und eifrigem Üben beherrscht sie das Instrument so perfekt, dass sie in einem Ensemble spielt.

 

1969 entschließt sie sich - nach dem Studium für Innenarchitektur - an einem Malkurs teilzunehmen.

 

Damit legt sie den Grundstein für ihr künstlerisches Lebenswerk.

 

Die Unterrichtsstunden bereiten ihr Freude obwohl ihr Lehrer so streng ist, dass sie sich manchmal ängstigt.

 

Sie lernt, dass künstlerisches Arbeiten einerseits begeistern und Vergnügen bereiten kann, andererseits auch bedeutet, nicht immer angenehme Wahrheiten über sich selbst zu erfahren.

Ihre Lehrer sind hochkarätig: Alfons Garzón und Professor Hector Cartier - Dozent für visuelle Wahrnehmung.

 

Doch nach einem halben Jahr Unterricht muss die Familie umziehen.

 

Ernesto geht es gesundheitlich schlecht.

 

Die Spur der Familie führt von Argentinien nach Spanien.

 

In Madrid eröffnet sie 1977 ihre erste Ausstellung.

 

Zahlreiche weitere werden folgen.

 

In Spanien fühlte sie sich schnell aufgenommen und akzeptiert.

 

Ihren alten Dozenten Alfredo Garzón besucht sie öfters - sie treffen sich auch in Paris - aber meist arbeitet die autodidaktisch.

 

Von Garzón lernt sie folgende Regel:

 

Nich "wissen wollen" sondern "fühlen" und "mit Liebe arbeiten".

 

Sie übt Still-Leben und mit Kohle zu zeichnen, später entstehen Ölbilder.

 

Margarita beschreibt ihr Arbeiten so:

"ich kann meine Malerei nicht interpretieren aber es ist mein Bestreben alles zu tun, um meinen Empfindungen Ausdruck zu verschaffen.

 

Beim Maln gibt es Strecken bei denen ich spiel und mich vergnüge, das ist bequem.

 

Dann gibt es Strecken der Angst, Mutlosigkeit und Trägheit, Momente in denen ich denke mit der Malerei aufzuhören weil ich mich nicht mehr als Künstlerin sehe.

 

Ich spüre, ich weiche aus, ich kneife, stelle mich nicht der Verantwortung.

 

Dann nehme ich den Pinsel, male, wünsche kritisiert zu werden.

 

Kritik ist eine Lehre um zukünftig noch besser zu werden."

Ihr Mann ist bei den Ausstellungen nicht dabei.

 

Als ein Kritiker ihre Bilder lobt und sogar ein Buch veröffentlicht, fühlt sie sich verpflichtet, weiterzumachen.

 

Sie will die Anerkennung ihres Mannes unbedingt erhalten und malt ununterbrochen.

 

Als Ernesto verstirbt, hilft das Malen über den Verlust und Schmerz hinweg.

 

Dennoch lernt sie weiter, nimmt Malunterricht.

 

Ein Dozent empfiehlt ihr, sich die Deckengemälde einer Kapelle anzusehen.

 

Anschließend ist sie so inspiriert, dass sie mehrere Bilder mit Motiven der Kuppel malt.

 

Noch ahnt sie nicht, dass diese Bilder Jahrzehnte später - erst vor zwei Jahren - im "Haus Augustinum" ausgestellt werden.

 

1984 kehrt sie erstmals nach Deutschland zurück um ihre Bilder in der Regensburger Stadtbücherei zu präsentieren.

 

Ein Jahr darauf eröffnet sie eine Vernissage in der Städtischen Sparkasse Schweinfurt.

 

Herr Kurt Petzold, damaliger Oberbürgermeister, nahm Kontakt mit ihr auf, besuchte sie sogar in Madrid und konnte sie überzeugen, die Heimatstadt zu besuchen.

 

Es ist ein tief bewegendes Erlebnis für Margarita, in die Stadt zurückzukehren, in der ihrer Familie während des Nationalsozialismus so großes Leid zugefügt wurde.

 

Sie bezeichnet diesen Schritt als "guten Entschluss, der eine wahrhafte Emotion zu Folge hatte".

 

Sie fühlt sich in ihrer Geburtsstadt gut aufgenommen und glaubt "zu spüren, dass man die Bedeutung des Augenblicks empfunden hat".

 

Sie erkennt Schweinfurt kaum wieder, alles hat sich verändert.

 

Sie trifft ehemalige Angestellte des Vaters, Schulfreundinnen und Vertreter der Stadt.

 

Sie sagt:

 

"Ich empfinde keinen Hass, ohne jemals das Unsagbare, das die in die KZ deportierten Juden erlebten, zu vergessen.

 

Wenn ich durch die Straßen meiner Stadt ging, erscheint mir diese wie ein fremder und ferner Ort.

 

Trotzdem, manchmal, in blitzartigen Momenten - beim Einatmen eines vergessenen Geruchs, beim Klang irgendeines Tones, stellte sich ein plötzliches, eigenartiges Gefühl tiefer Zuneigung ein."

 

Durch den Kontakt mit Kurt Petzold reift bei Margarita der Entschluss zu ihren Wurzeln nach Schweinfurt zurückzukehren.

 

Ihr Galerist in Madrid ist davon wenig begeistert, gerade verkaufen sich die Bilder gut.

 

2003 ist es dann soweit, Margarita zieht in ihre alte Heimat Schweinfurt.

 

Die Jahre davor und auch danach sind ausgefüllt mit künstlerischem Schaffen und Ausstellungen, von denen hier nur wenige erwähnt seien:

 

Museums-Ausstellung in der Städtischen Galerie Würzburg, die zwei Werke erwirbt.

 

Vernissagen in Berlin, Barcelona, Paris, Madrid, Schloss Zeilitzheim und Amorbach.

 

Matgarita ist jetzt 81 Jahre alt und auf der Suche nach einem Alterswohnsitz.

 

Im Augustinum, wo sie während ihrer Besuche wohnte, fühlt sie sich wohl.

 

Der Entschluss zum Umzug in ihre Geburtsstadt fällt schnell, aber gleichzeitig unglaublich schwer.

Kaum richtig hier angekommen erkrankt Margarita Calvary schwer und glaubt nicht, jemals noch einmal arbeiten zu können.

 

Als sie gründlich nachdenkt, spürt sie und sagt:

 

"In meinem Inneren bin ich nicht integriert, nicht in Argentinien, nicht in Spanien.

 

Ich habe nicht das Gefühl, eine Heimat zu besitzen.

 

Ich gehöre nirgendwo hin, aber nach all dem, was ich erlebt habe, kann ich mich überall anpassen.

 

Immer wieder steigen die Bilder der Erinnerung, der Kindheit auf.

 

Es gibt kein Vergessen.

 

Äußerlich, ja äußerlich gehöre ich schon dazu, aber eben nicht innerlich.

 

Ich lebe mein Leben und kämpfe nicht um etwas zu erreichen.

 

Wichtig ist eine positive Einstellung zum Leben.

 

Die Kluft zwischen den Menschen darf nicht größer werden".

 

Margarita findet auch in Schweinfurt viele neue Freunde.

 

In ihrem kleinen Atelier in der Friedenschule arbeitet sie hochbetagt noch mit Schülern.

 

Sie besucht regelmäßig Ausstellungseröffnungen und freut sich, dass sie in der Stadt alles zu Fuß erreicht.

 

Ein Kind dr Stadt, eine große Künstlerin und auch Symbol der Versöhnung und des Verzeihens ist von uns gegangen.

 

Margarita Calvary vermachte einen Großteil ihrer Bilder der Stadt Schweinfurt.

 

Mögen diese Werke an ihr Leben, an ihr Schicksal und das ihrer Familie erinnern.

Wir sind alle durch unser Denken und Handeln dafür verantwortlich, dass sich Unrecht, wie Frau Calvary und ihre Familie es in Schweinfurt erleiden musste, nicht mehr wiederholt.

 

In einer gemeinsamen Schweigeminute gedenken wir Frau Margarita Calvary.

 

Der Tod ist das letzte aller Dinge.

 

Ein Leben voller Leid und Entbehrung, aber auch Freude und Erfüllung, Freundschaft und Liebe ist zu Ende.

 

Diese Trauerfeier ist auch eine Dankesstunde.

 

Wir danken dafür, dass Margarita unter uns weilte, mit ihrem Ernesto neues Leben schenkte, für ihre Liebe und Freundschaft, für ihr Verzeihen, für alles, was sie für uns war, ist und bleibt.

 

Im Namen der Familie sei Ihnen allen gedankt - für die Teilnahme an dieser Trauerfeier, die tröstenden Worte, geschrieben oder gesprochen, für den stillen Händedruck, wenn die Worte fehlten.

 

Ein letzter Abschiedsgruß von Deinen Töchtern Ana und Daniela, allen Angehörigen und Menschen die Dich, Margarita durch Dein langes Leben begleitet haben.

 

Doch wie soll der Abschiedsgruß formuliert werden?

Sagen wir doch voller Vertrauen "Auf Wiedersehen, Gretl!"

 

Am Grab:

Es gab keinen anderen Weg für mich als diesen, den ich gegangen bin.

Diesen Weg habe ich mir nicht gewünscht, denn oft war er steinig, steil und eine Qual.

Nie ist einer diesen Weg gegangen so wie ich.

Aller Menschen Wege sind einzigartig.

Trotzdem danke ich einer weisen Vorsehung für diesen Weg, denn er führte mich zu Euch.

Auch wenn ich nun neue Wege weitergehe, Ihr seid weiterhin bei mir.

 

Margarita Calvary, mögest Du in Frieden ruh'n!

 

 

Alte Inserate der Schuhfabrik Silberstein