Jugendgruppe INDIGO

Gründungsdatum: 7.Februar 2008

 
Mitgliederanzahl : 15 aktive Mitglieder, viele ehemalige Mitglieder, die jetzt bundesweit verstreut sind.

Wöchentlicher Treffpunkt : Sonntags, 14 Uhr , im Jugendhaus Schweinfurt

Wirkungsgebiete : Geschichte , Musik , Tanz, Kunst

Verbandsangehörigkeit zur Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, Deutsche Jugend des Ostens (djo)

Traditionsreiche Teilnahme an Stadt – und Stadtteilfesten, an Veranstaltugen der Landsmannschaft und des BdV (Tag der Heimat).

Schon 2 Jahre hintereinander (2011-2012) Veranstalter des Wettbewerbs „Schweinfurt sucht das Supertalent“ auf dem Schweinfurter Stadtfest.

Gruppenkoordinatorin: Margarita Afanasjew
Gruppenleiter: Alex Siemens



Aktive Mitglieder:

Alex Siemens (Leitung; Gitarrenunterricht)
Peter Aifeld (Geschichte, Literatur)
Dimi Kiel (Tanz)
Denis Kort (Autor;Foto&Video)
Katharina Krause ( Kunst)
Christian Schwarz (Musik)
15 Schüler für Musik und Gesang

Ziele

Die Jugendgruppe verfolgt das Ziel, allen möglichen Talenten eine Plattform zu bieten. Egal mit welchen Interessen und welche Herkunft man ist, man ist willkommen und jeder soll sich selbst verwirklichen können, um damit dem Gemeinwohl zu nutzen.

Zu finden im Internet hier

 

Kontakt:  

Alex Siemens
Haydnstraße 2
97421 Schweinfurt
09721 9488820
015771561182
 

Talentwettbewerb Indigo 2011
Talentwettbewerb Indigo 2011

 

 

 

Facharbeit zur Geschichte der Russlanddeutschen - von Peter Aifeld

 

 

Russlanddeutsche –
eine autobiographische Studie vor historischem Hintergrund

 

Inhaltsverzeichnis

  1. Einleitung 3

  2. Begriffsklärung 5

  3. Geschichte der Russlanddeutschen

    1. Auswanderung 6 2. Gründung von Tochterkolonien 9 3. Aufhebung des Kolonistenstatuses 10 4. Erster Weltkrieg und Revolution 11 5. Gründung der ASSR der Wolgadeutschen 12

  4. Schicksalsjahre der Russlanddeutschen
    1. Stalinistischer Terror 13 2. Deportation 16 3. Trudarmee 18 4. Sondersiedlung 19

  5. Zusammenfassung 20

  6. Literaturverzeichnis 22

  7. Stammbaum

 

 

1.Einleitung

Meine Facharbeit behandelt die Geschichte der Russlanddeutschen. Warum wähle ich solch ein ungewöhnliches Thema?
Um die Gründe zu verstehen, die mich dazu bewegt haben, die Facharbeit über die Geschichte der Russlanddeutschen zu schreiben, muss man wissen, wer ich bin.
Normalerweise gibt es in meinem Alter noch nicht viel zu erzählen:
Ich heiße Peter Aifeld, bin 1991 in der sowjetischen Teilrepublik Kasachstan in einer deutschstämmigen Familie geboren und 1996 gemeinsam mit meiner Familie nach Deutschland ausgewandert, „zurück gewandert“ wie es im Bezug auf Russlanddeutsche genannt wird.
Man könnte meinen, es gäbe nichts, was mich von anderen maßgeblich unterscheide. Und doch beginnt meine Geschichte schon im 18.Jahrhundert, genauer gesagt zwischen 1760 und 1770 als mit dem Manifest der russischen Zarin Katharina der Großen Ausländern angeboten wird, sich in Russland niederzulassen.
Zunächst werde ich in meiner Arbeit auf den Begriff „Russlanddeutsche“ und seine verschiedenen Abwandlungen wie „Deutsche aus Russland“ eingehen und versuchen die unterschiedliche Bedeutung dieser darzulegen.
Des Weiteren möchte ich durch einen groben Aufriss einen Einblick in die fast 300-jährige Geschichte dieser Gruppe der Deutschen aufweisen, die geprägt ist von Wanderungen.
Von der Auswanderung aus Deutschland, die damals mit größeren Schwierigkeiten verbunden war und mühsamer war als jetzt, über die Gründung der Kolonien an der Wolga, den aus Platzmangel folgenden Gründungen von Tochterkolonien, Umsiedlungen nach Amerika gegen

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Ende des 19.und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, über die Revolution und Abdankung des russischen Zaren, schließlich zur Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (im Folgenden abgekürzt als ASSRdWD).

Die größte Aufmerksamkeit möchte ich jedoch, sicherlich auch aus persönlichen Gründen, auf die Zeit der Enteignungen und ethnischen Säuberungen in den 30er Jahren des 20.Jahrhunderts richten.
Von diesen Geschehnissen ist der Großteil der Deutschen in Russland betroffen gewesen. Ein Ereignis, auf das näher einzugehen ist, da es wohl jeden Russlanddeutschen betrifft, ist ein Edikt des Obersten Sowjet vom 28. August 1941, in dem bekanntgegeben wird, dass allen Russlanddeutschen aus der ASSRdWD und auch allen anderen Deutschen die Kollaboration mit den Nazis unterstellt wird und ihre sofortige Aussiedlung nach Sibirien veranlasst wird. Kurz darauf kam noch die Mobilisierung aller Männer und später auch Frauen in die Trudarmee (Arbeitsarmee) dazu. Doch werde ich diese Begebenheiten später noch genauer beleuchten.

Wenn man nun diesen Grobaufriss überfliegt, wird man feststellen, dass es sich um eine Geschichte handelt, reich an Wanderungen, mehr oder minder freiwillig.
Deshalb finde ich auch das Motto der Wanderausstellung der Landesmannschaft der Deutschen aus Russland „Volk auf dem Weg“ ziemlich passend.

Meine Facharbeit wird außer historischen Fakten und Informationen auch vieles über meine eigene Familie enthalten, was größtenteils nicht nur auf Überlieferungen beruht, sondern auch dokumentarisch belegt ist.
Ich hoffe durch diese Arbeit einen bislang in unserem Land unbekannten Teil deutscher Geschichte auf wenigen Seiten zusammenfassen und analysieren zu können.

Auch möchte ich Hochachtung vor meinen Vorfahren zeigen.
Sie haben viele furchtbare Ereignisse durchgestanden, doch gab es natürlich auch positive Seiten in ihrem Leben.

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Diese Facharbeit widme ich daher allen Menschen, ohne die ich nicht das geworden wäre, was ich bin: meinen Vorfahren.

2. Begriffsklärung

Bevor man sich jedoch mit der Geschichte der Russlanddeutschen beschäftigt, sollte der Begriff an sich näher untersucht und definiert werden.
Der Begriff bezeichnet die Nachkommen jener Auswanderer aus den deutschen Ländern, die dem Ruf der Zarin Katharina der Großen gefolgt sind und sich seit dem 18.Jahrhundert im Russischen Reich niedergelassen haben.

Ferner bezeichnet man auch diejenigen Deutschen als Russlanddeutsche, die auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion gelebt haben bzw. leben.
Auch die nach dem 2.Weltkrieg und insbesondere in den 1990er Jahren nach Deutschland zurück gewanderten deutschen Volkszugehörigen werden hier als Russlanddeutsche bezeichnet.

In der Zeit des Nationalsozialismus gab es für die Deutschen in Russland verschiedene Bezeichnungen.
Vor allem wurde von Volksdeutschen gesprochen, die im Gegensatz zu den Reichsdeutschen, sich zwar zum deutschen Volk bekannten, jedoch aber nicht die Staatsangehörigkeit des Deutschen Reiches besaßen.

Nach dem Angriff des Deutschen Reiches auf die Sowjetunion 1941 standen viele deutsche Siedlungen unter deutscher Verwaltung. Mit dem Rückzug der Wehrmacht ab 1943 kam die Bevölkerung dieser nach Deutschland.

Sowohl in der Zivilbevölkerung als auch in der Wehrmacht wurden diese als „Beutegermanen“ bezeichnet, wobei im Militär auch slawische Truppenangehörige,die zwangsverpflichtet wurden, so bezeichnet wurden.1

1 Internetquelle 6

6

3.Geschichte der Russlanddeutschen 3.1 Auswanderung

Die Geschichte der Deutschen in Russland beginnt in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts. Auch schon in früheren Zeiten siedelten Deutsche in Russland, jedoch handelte es sich dabei um Handwerker und Kaufleute, die nach getaner Arbeit das Land wieder verließen.

Auch die Dynastie der Romanows, die bis zur Ermordung der Zarenfamilie und der Oktoberrevolution 1917 die Kaiser in Russland stellte, heiratete in zahlreiche europäische Herrscherhäuser ein.
So war 1763 Katharina II., später „die Große“ genannt, Zarin des russischen Reiches, deren eigentlicher Name Sophie von Anhalt-Zerbst und die deutscher Abstammung war, diejenige die durch ihr Edikt vom 22.Juli 1763 ausländische Siedler ins Land holte.

Den Ansiedlern wurden umfassende Zugeständnisse gemacht, welche durch Anwerber in Europa zu verbreiten waren. Deutschland war zu diesen Zeiten durch die Kriege, die hervorgerufen wurden durch die Abspaltung der Protestanten von der Katholischen Kirche und die dadurch entstandene Konfrontation des katholischen Österreich mit dem protestantischen Preußen , erschüttert. Weil jedoch gerade diese Länder leere Gebiete zu beklagen hatten und selbst Kolonisten aus anderen deutschen Ländern anwarben, war das russische Gesuch ihnen ein Dorn im Auge. So war in vielen dieser Kleinstaaten die Auswanderung mit dem Tode bestraft. Die russische Krone schloss jedoch Verträge mit verschiedenen Anwerbern, wie zum Beispiel von Beauregard und Otto Friedrich von Monjou – nach diesen wurden auch die Kolonien Beauregard , Ober - und Nieder-Monjou benannt. Diese unter Vertrag stehenden Anwerber scheuten auch nicht davor zurück, Kolonisten aus

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Ländern anzuwerben, in denen Auswanderung strikt untersagt war. Vor allem in den südwestdeutschen Gebieten, wie dem Rheinland, Hessen und der Pfalz wurden viele Menschen durch das Versprechen von Religionsfreiheit, Steuerfreiheit auf 30 Jahre, Selbstverwaltung in deutscher Sprache und Befreiung vom Militärdienst angelockt.

So machten sich auch meine Vorfahren auf, die russischen Länder zu besiedeln.
Über verschiedene Sammelpunkte, so zum Beispiel Büdingen, in denen Angeworbene aus allen deutschen Gebieten zusammengeführt wurden, gelangten die Menschen nach Lübeck, den Haupthafen, von dem aus die Schiffe mit den zukünftigen Kolonisten in Richtung Sankt Petersburg in See stachen.2

Zwecks Ausgabenberechnung wurden an verschiedenen Punkten der Reise Listen angefertigt, die einen Rückschluss auf die Familienzusammensetzung geben lassen.
Die größte Auswanderungswelle war 1766. So legte die englische Fregatte „Love and Unite“ unter Kapitän Thomas Fairfax - die englischen Fregatten wurden angeheuert, nachdem die russischen Paketboote nicht genügten – am 4.Juli 1766 in Kronstadt bei Sankt Petersburg an.

An Bord waren unter anderem meine Vorfahren: Jacob Schimpf und Sebastian Eich jeweils mit Familie und der ledige Conrad Schenk.3
Auf der „Love and Unite“ waren 903 Kolonisten. Im Juli des Jahres 1766 kamen auf 24 Schiffen 5326 Kolonisten an.

Allein im Jahr 1766 wanderten 7381 Familien mit einer Gesamtzahl an 22711 Personen nach Russland aus.
Nach der Ankunft in Russland wurden die Kolonisten nach Oranienbaum gebracht, wo man sie in Baracken, zuvor als Unterkunft für holsteinische Soldaten genutzt, unterbrachte.

Nun begann die Anwerbung für die verschiedenen Siedlungsorte an der Wolga. Doch schon hier wurde ein Punkt des Manifests gebrochen. Siedlern aus dem Dienstleistungs- und Handwerksgewerbe, die

  1. 2  Aus Jacob Dietz, Geschichte der deutschen Kolonisten an der Wolga, S.32ff.

  2. 3  Aus Igor Pleve, Lists of Colonists to Russia in 1766, S.133-134

8

beabsichtigten sich in Sankt-Petersburg oder Saratov niederzulassen, wurde dieser Wunsch oftmals abgesprochen und sie wurden als einfache Bauern in den verschiedenen Kolonien angesiedelt.
Als weiterer Siedlungsort neben den Wolgagebieten wurden die Ländereien des Grafen Peter Rumjanzow-Sadunajski im Gebiet Tschernigow in der Ukraine ausgewählt und zur Verfügung gestellt. Diese Kolonien werden später den Russlanddeutschen als „Belowescher Kolonien“ bekannt sein und die Selbstbezeichnung deren Einwohner lautet Pelemeser, was auf die deutsche dialektale Aussprache zurückzuführen ist.

Hier siedelten sich auch meine Vorfahren aus der direkten Linie Eichwald an, welches sich später aufgrund von Transkriptionen ins kyrillische Alphabet zu Aifeld entwickelte.
Ein weiterer Siedlungsort war Livland mit den Kolonien Hirschenhof und Helfreishof. Auch bei Jamburg und Tambov siedelte man Kolonisten an.

Im Wolgagebiet wurde zur besseren Verwaltung der Kolonisation das „Fürsorgekomitee für Ausländer“ in Saratov gegründet, welches sich um die Belange der Kolonisten bis zur faktischen Aufhebung des Kolonistenstatuses 1877 kümmerte.4

Die erste Kolonie Nizhnaya Dobrinka (Untere Dobrinka, auch Deutsch Dobrinka), zu Beginn nach einem Kolonisten namens Moninger benannt, wurde am 29.Juni 1764 gegründet.
Diejenigen Vorfahren, die russischen Boden am 4.07.1766 betraten, erreichten diese Kolonie am 20.Juni 1767 und wurden hier sesshaft.

Ein weiterer Vorfahre Heinrich Geier, der mit seinem Vater Johann Geier und weiteren Familienangehörigen im September 1766 Oranienbaum erreichte, siedelte zuerst in der Kolonie Messer, zog jedoch zwischen 1770 und 1798 in die Kolonie Galka, welche die Nachbarkolonie von Dobrinka war.5

Die Linien Schenk und Geier sind die direkten Linien meiner Großmutter und werden durch die vielen geschichtlichen Etappen noch öfter erwähnt

  1. 4  Aus Igor Pleve, Lists of Colonists to Russia in 1766, S.17ff.

  2. 5  Aus Igor Pleve, Einwanderung in das Wolgagebiet, Dobrinka bzw. Galka First Settlers List

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werden.

3.2 Gründung von Tochterkolonien

In den ersten Jahren der Ansiedlung hatten die Kolonisten mit Angriffen der Nomadenstämme der Kirgisen zu kämpfen. Manche Kolonien hatten dadurch einen Bevölkerungsverlust von bis zu 50%. Die Kolonien Leitsinger und Keller wurden so dezimiert, dass ein weiterer Fortbestand aussichtslos war und schon 20 Jahre nach Gründung deren Bewohner in eine neu gegründete Kolonie, die deswegen auch Neu-Kolonie benannt wurde, umsiedeln mussten.6

Nachdem die ersten Hürden überwunden waren, lebten die Kolonisten unter sich in Frieden und bauten Wohlstand auf. Da durch die Familiengröße - früher war eine zehnköpfige Familie keine Seltenheit - Platzmangel in den Kolonien herrschte, musste ein Ausweg gefunden werden.

Während in Bessarabien sich in den 1820er Jahren noch Kolonisten aus Deutschland ansiedelten, wurden beidseitig der Wolga Tochterkolonien gegründet, deren Siedler aus den Mutterkolonien übersiedelten.
Auch die Grunauer Kolonien am Asowschen Meer wurden zu dieser Zeit von Kolonisten aus Belowesch gegründet.

Erst mit der Besiedlung Wolhyniens durch Warschau-Deutsche und Schwaben in den 1860er Jahren endet die Einwanderung der Deutschen nach Russland. 7Als mein Ur-Urgroßvater Georg Christian Schenk 1860 in Dobrinka geboren wurde, galt noch die deutsche Selbstverwaltung und nur wenige Kolonisten waren überhaupt der russischen Sprache mächtig, hauptsächlich solche, die Handel betrieben und mit russischen Käufern in Kontakt traten.

  1. 6  Aus Jacob Dietz, Geschichte der deutschen Kolonisten an der Wolga, S. 102ff.

  2. 7  Zeitchronik zur Geschichte der Russlanddeutschen, Internetquelle 1

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3.3 Aufhebung des Kolonistenstatuses

Am 4.06.1871 wurde dieser Kolonialstatus aufgehoben und die Selbstverwaltung aufgelöst bzw. diie Kolonien unter die gleiche Verwaltung gestellt wie die russischen Dörfer.
Es setzte eine Auswanderungswelle nach Amerika ein, die kontinuierlich und manchmal aufgrund von bestimmten Ereignissen in Schüben bis in die 1930er Jahre andauerte.

In Russland begann gegen Ende des 19.Jahrhunderts eine panslawistische Politik, die sehr oft im Bezug auf die Kolonisten zu ersehen ist. So wurden die deutschen Namen der Siedlungen ab 1893 russifiziert. Aus Friedenfeld wurde beispielsweise „Mirnoje Pole“ , aus Neu-Hoffnung „Nowaya Nadezhda“.

Nachdem den deutschen Siedlern aufgrund der Aufhebung der Privilegien des Kolonistenstatuts kein Land mehr von der russischen Regierung zugeteilt wurde, die Kolonien jedoch wuchsen, musste nun Land aufgekauft werden.

In den 1880er Jahren machten sich Belowescher Kolonisten auf ins Dongebiet ans Asowsche Meer, um dort Land zu kaufen.
Auch mein Ur-Urgroßvater Philipp Eichwald siedelte mit seiner Frau Maria aus der Belowescher Kolonie Kreschatten in das von Kreschattener Siedlern gegründete Neu-Andrianovka über. 8

Zur gleichen Zeit verließ Georg Christian Schenk mit seiner Familie Dobrinka und arbeitete als Verwalter eines Gast- und Gutshofes des

Grafen Scheremetjev in der an der Wolga gelegenen Stadt Nikolajewsk, wo er aus den umliegenden russischen und deutschen Dörfern Mehl und Getreide aufkaufte und zum Verkauf nach Moskau und Sankt-Petersburg verschiffen lies.

8 Überliefert von Nachkommen der Siedler von Neu-Andrianovka, z.B. meinem Großvater Peter Aifeld

11

Mein Urgroßvater David Geier wurde um 1900 Vollwaise und verließ als ältester von den Kindern die Kolonie Galka und ging bei einem Schmied in Nikolajewsk in die Lehre.
1909 gründete er mit Katharina Elisabeth Schenk, der Tochter des Georg Christian Schenk eine Familie mit insgesamt 9 Kindern. Im Gegensatz zur Familie Geier, die bis 1941 in der Stadt verblieb, kehrte Georg Christian Schenk nach der Oktoberrevolution 1917 nach Dobrinka zurück, weil er seine Arbeitsstelle für den Grafen infolge der Abschaffung der Monarchie verlor und der Gutshof in Staatsbesitz überging.9

3.4 Erster Weltkrieg und Revolution

1914 begann der Erste Weltkrieg. Meine Urgroßväter Philipp Eichwald und David Geier dienten in diesem Krieg der russischen Krone. Philipp Eichwald musste dabei sein Leben lassen. Den Überlieferungen meines Großvaters Peter Aifeld zufolge verstarb sein Vater in einem Militärhospital der Stadt Rostov am Don. Mein Großvater kam mit seiner Mutter Elisabeth Rosenberg und den Geschwistern Alexander, Konrad und Maria beim Großvater Peter Rosenberg unter, mit dem zusammen die Wirren der Revolution und des russischen Bürgerkrieges durchgestanden wurden.10 Sein Onkel Jakob Eichwald wurde mit Errichtung des sowjetischen Machtapparates zum Vorsitzenden des Dorfrates von Neu-Andrianovka.11

  1. 9  Überliefert durch meine Großmutter Emma Aifeld und Aufzeichnungen in der bei Verwandten erhaltenen Familienbibel

  2. 10  Überliefert durch meine Urgroßmutter Elisabeth Rosenberg und meinen Großvater Peter Aifeld

  3. 11  Protokoll über die Wahl des Dorfrates von Neu-Andrianovka bzw. überliefert durch Reinhold

    Eichwald, Enkel von Jakob Eichwald

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3.5 Gründung der ASSR der Wolgadeutschen

Kurze Zeit nach der Gründung der russischen Sowjetrepublik, wurde Ernst Reuter12, ein sozialdemokratischer deutscher Kriegsgefangener aus dem Ersten Weltkrieg, zum Volkskommissar für wolgadeutsche Angelegenheiten ernannt, dessen Ziel es seien sollte, die Wolgadeutschen auf die Linie der neuen Sowjetregierung zu bringen und ein wolgadeutsches autonomes Gebiet zu schaffen.

In der Politik der Bolschewiki erfüllten die Wolgadeutschen nämlich die Eigenschaften einer Nation: „Gemeinschaft der Sprache, des Territoriums, des Wirtschaftslebens und der sich in der Gemeinschaft der Kultur offenbarenden psychischen Wesensart.“13 Am 19. Oktober 1918 wurde per Dekret des sowjetischen Volkskommissariats unter Vorsitz Lenins das Autonome Gebiet der Wolgadeutschen gegründet, dem Ernst Reuter vorstand und dessen Zentrum zunächst Saratov und ab 1919 Katharinenstadt, eine deutsche Kolonie, gewesen war. Am 6.Januar 1924 wurde das autonome Gebiet aufgewertet und die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen ausgerufen.14

Amtssprachen waren neben Deutsch auch noch Russisch und Ukrainisch. Auch der Schulunterricht wurde auf Deutsch gehalten und es existierten viele Printmedien in deutscher Sprache, wie zum Beispiel „Nachrichten“, „Rote Jugend“ und „Unsere Wirtschaft“. Bis zur Machtergreifung Hitlers im Deutschen Reich herrschten politische Beziehungen zwischen ebendiesem und der Wolgarepublik, welche von den Kommunisten sogar begünstigt wurden.

12 Ernst Rudolf Johannes Reuter (1898-1953), Volkskommissar für wolgadeutsche Angelegenheiten, 1948-1953 1.Regierender Bürgermeister West-Berlins

13 Internetquelle 2, Originalzitat aus Josef Stalins „Marxismus und Nationale Frage“ von 1913 14 Internetquelle 2

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4. Schicksalsjahre der Russlanddeutschen 4.1 Stalinistischer Terror

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts begann wie für das gesamte Volk der Sowjetunion auch für die Russlanddeutschen eine schwere Zeit. Es war eine Zeit der Enteignungen, Vertreibungen, Deportationen und Erschießungen. Diese Zeit ist als die Zeit des Stalinistischen Terrors in die Weltgeschichte eingegangen.

Menschen wurden willkürlich und ohne fairen Prozess zum Tode verurteilt oder nach Sibirien vertrieben.

Höherer Wohlstand brachte ihnen den Ruf der Kulaken. Kulaken (vom russischen Kulak: Faust) waren nach der Oktoberrevolution Menschen, die über einen großen Hof mit Anbau und eine größere Anzahl Vieh verfügten und auch noch Lohnarbeiter beschäftigten.15

Die Enteignungen waren für die Kommunisten wichtig, um die Kolchosen16 und Sowchosen17 in der UdSSR einzuführen.
Da die deutschen Siedler gerade über solche Höfe und aufgrund ihres Wohlstands auch über Arbeiter verfügten, waren sie größtenteils von Enteignungen betroffen, wobei es die durchführenden Beamten schwer hatten in den deutschen Dörfern Familien zu finden, die über einen größeren Reichtum als andere im gleichen Dorf verfügten, da alle annähernd gleich wohlhabend waren.

So erzählt Emilie Geer in einem für diese Facharbeit aufgenommen Interview, dass ihre Familie 1932 enteignet wurde. Sie seien jedoch nicht vertrieben worden, sondern sind in ein nahegelegenes Dorf zu der Tante

15 Internetquelle 3
16 Kolchos = russ. Kollektivnoe Chosajstwo = sowjetischer Großbetrieb in der Landwirtschaft 17 Sowchos = russ. Sowetskoje Chosajstwo = sowjetischer Großbetrieb

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gezogen, wo man über Winter untergekommen ist.
Der Vater habe, wie von den Sowjets durch die Enteignungen beabsichtigt, angefangen in einer Kolchose zu arbeiten und der Familie wurde eine Wohnung zugeteilt.
Nach einiger Zeit wurde der Vater krank. Dies führte dazu, dass er wieder als Kulak - als einer der nicht arbeiten wolle - aus der Kolchose entlassen wurde und auch seinen Anspruch auf die Wohnung verlor.
Nach kurzem Aufenthalt bei der Tante und einer Anfrage im Heimatdorf, ob man zurückkehren könne, wurde dem Gesuch stattgegeben, jedoch unter der Bedingung, dass die Familie keinen Anspruch auf den vormaligen Besitz stellt.18
Wie hier beschrieben, erging es vielen Russlanddeutschen zur damaligen Zeit. Hatte die Familie mehr Besitz oder wehrte man sich gegen die Kollektivierung des Eigentums, kam es zu Erschießungen des Familienoberhaupts und der trotzdem folgenden Enteignung der machtlosen Familie. Deportationen nach Sibirien oder die Internierung in Arbeitslagern, sogenannten GULAGs, waren keine Ausnahme.
Viele überlebten diese Maßnahmen nicht oder starben nach kurzer Zeit an den Folgen, wie schweren Krankheiten, da viele die ungewohnte sibirische Kälte nicht ertrugen.
Im Jahr 1937 nahm das Ausmaß der stalinistischen Säuberungen große Dimensionen ein.
Schon ab 1935 wurden in Moskau Eliten aus Militär, Wirtschaft und Politik in Schauprozessen verurteilt. Des weiteren gab es verschiedene weitere Gruppen, die unter dem staatlichen Terror zu leiden hatten: Intellektuelle, Kulaken und auch ethnische Gruppen wie Polen, Finnen , Deutsche und viele weitere.
So erging am 25.Juli 1937 die Direktive 00439 des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (NKWD19), nach der Repressivhandlungen gegen Deutsche, denen Spionage vorgeworfen wurde, erlaubt und

18 Emilie Geer, geboren 2.02.1926 in Wladimirovka, Ukraine, mit 16 Jahren in Trudarmee einberufen und 12 Jahre lang eingesetzt; als Zeitzeugin interviewed am 10.11.2010

19 Narodnij Kommisariat Wnutrenich Del = Innenministerium der UDSSR

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durchzuführen waren.
Diese Direktive richtete sich eigentlich gegen deutsche Ingenieure, die in den sowjetischen Rüstungsbetrieben, im Bergbau und Eisenbahnwesen beschäftigt waren, aber auch gegen deutsche Kommunisten, die nach der Machtergreifung Hitlers 1933 in die Sowjetunion geflohen waren.
Betroffen waren davon jedoch auch Deutsche, die Staatsbürger der Sowjetunion waren, da auch ihnen Spionage für Nazi-Deutschland vorgeworfen wurde und so wurden diese zum Hauptfeind des sowjetischen Volkes erklärt.
Man machte ihnen oftmals kurzem Prozess.20
Emilie Geer erzählt dazu, dass im Jahr 1937 immer wieder Lastwägen des NKWD nachts in ihr Dorf kamen und Leute mitnahmen.
Einmal war die Furcht in der Familie besonders groß, als der „schwarze Rabe“, wie man die Lastwägen nannte, vor dem Haus der Familie Kaiser, so der Geburtsname von Emilie Geer, hielt.
Der Vater war zu diesem Zeitpunkt schon krank, deshalb würde nur der Schwiegersohn für eine Verhaftung in Frage kommen.
Die Freude war groß , als sich herausstellte, dass der Lastwagen nur eine Panne hatte und nachdem der Schaden repariert worden war, dieser sich weiter in Bewegung setzte.
So blieb aus der engeren Familie von Frau Geer jeder verschont, jedoch wurden aus dem Dorf sehr viele Männer und später auch Frauen abgeholt. Frau Geer berichtet, dass Kinder, deren Eltern verhaftet wurden, nicht zu Verwandten durften, sondern deren deutsche Identität ausgelöscht wurde, indem man sie in Kinderheime brachte und ihnen neue, russische Namen gab.
Aus der eigenen Familie ist mir bekannt, dass der Bruder meines Großvaters Alexander Aifeld21, der als Vorarbeiter im Bergwerk 3-4 der Stadt Bokowo-Antrazit in der heutigen Ukraine arbeitete und wohl auch viel mit Ingenieuren aus dem Deutschen Reich zu tun hatte, da in der

20 Internetquelle 3
21 Alexander Aifeld, 1910-1937, Bruder meines Großvaters, am 3.10.1937 verhaftet und am

14.11.1937 verurteilt zum Tod durch Erschießung

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Familie überliefert ist, dass er als Übersetzer fungierte, am 3. Oktober 1937 festgenommen wurde.
Außer Dokumenten wurde nichts beschlagnahmt, jedoch wurde schon am 15. November 1937 das Urteil der Todesstrafe durch Erschießung gegen ihn ausgesprochen.

In der selben Nacht erhielt die Familie durch eine Kontaktperson seinen Gürtel, in dem eine Botschaft versteckt war, dass er noch in der Nacht sterben werde.
Er hinterließ Frau und Tochter. Eine Bestätigung der Erschießung wurde der Akte nicht beigelegt, wie es bei den Schauprozessen üblich war. Er starb im Alter von 27 Jahren.

Alexander Aifeld wurde 1989 posthum rehabilitiert.22
Drei Tage später wurde in der selben Stadt die gesamte volljährige männliche Linie der Familie Pahl, die Verwandten meines angeheirateten Onkels Alexander Pahl ausgelöscht. So starben am gleichen Tag sein Großvater, sein Großonkel, sein Onkel und verschiedene weitere Verwandte.
Zeitgleich wurden weitere Verwandte meiner Familie verhaftet, über deren Verbleib bis heute nichts bekannt ist. 23
Oftmals wurden nicht mal Prozesse durchgeführt, sondern den Troikas, den aus 3 Personen bestehenden Gerichtsgremien, die Akten vorgelegt, die nur abgesegnet werden mussten. So kam es dazu, dass an manchen Tagen bis zu 10.000 Prozesse abgeschlossen wurden.
Insgesamt wurden durch die Direktive 00439 55.005 Deutschstämmige verurteilt, davon starben 41.898 und bei 13.107 wurden Haftstrafen zwischen 5 und 10 Jahren verhängt.24

4.2 Deportation

Während infolge des Hitler-Stalin-Pakts sich die Lage der Deutschen

22 Dokumente über die Verhaftung und den Prozess von Alexander Aifeld
23 Verschiedene vorhandene Dokumente und Überlieferungen durch Familienangehörige 24 Internetquelle 3

17

verbessert hatte und 1941 sogar ein Besuch Hitlers in der ASSR der Wolgadeutschen geplant war, verschlechterte sich die Lage mit dem Angriff von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion am 22.Juni 1941 drastisch. Am 30.August 1941 wurde in den deutschsprachigen Printmedien „Nachrichten“ und „Bolschewik“ der Erlass des Obersten Sowjets vom 28.August „ Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben“ veröffentlicht.

Dieser sah vor in kürzester Zeit alle Deutschen aus der Wolgadeutschen Republik und später aus dem gesamten europäischen Teil der Sowjetunion nach Sibirien zu deportieren, da ihnen die Spionage und Kollaboration mit dem faschistischen Deutschland unterstellt wurde.

Nach Bekanntgabe des Vorhabens der Umsiedlung hatten die Deutschen oftmals nur sehr wenig Zeit. Die Familie meiner Großmutter, die in der an die Wolgadeutsche Republik grenzenden Stadt Nikolajewsk lebte, musste am 4. September 1941 ihr Hab und Gut zurücklassen – mein Urgroßvater sein Haus mit eigener Schmiede und Vieh - und wurde mit wenig Gepäck nach Kamyshin zum Bahnhof gebracht, von wo sie in Wagons, in denen normalerweise Vieh transportiert wurde, ans Kaspische Meer befördert wurden, welches sie auf Fähren durchquerten und im kasachischen Hafen Gurijev wieder Viehwagons bestiegen, um zum Zielgebiet Semipalatinsk gebracht zu werden.25 Teilweise wurden Fähren von der Reichswehr bombardiert, da man unter ihnen strategisch wichtige Wirtschafts- und Rüstungslieferungen vermutete.

Emilie Geer erzählt über den Transport über die Schienen, dass sie von den russischen Begleitern bei Bombardements aufgefordert wurden die Wagons zu verlassen und in der freien Natur weiße Fahnen zu schwenken und deutsche Volkslieder zu singen, in der Hoffnung die Kampfbomber würden es hören und auf eine Bombardierung der „eigenen Leute“ verzichten. So versuchten die Beamten nicht nur das Leben der Deportierten zu retten, sondern in erster Hinsicht auch ihr eigenes. Dies hatte auch teilweise Erfolg, wie Emilie Geer aus eigener Erfahrung

25 Alfred Eisfeld, Aussiedlung der Deutschen aus der Wolgarepublik 1941 – 1957, S.27

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berichtet. So wurde an einer Station ihrem Zug die Vorfahrt gewährt, während ein Zug mit Soldaten und ein Zug mit jüdischen Deportierten warten sollten. Der deutsche Zug kam ohne Schaden davon, die beiden anderen wurden vollständig zerbombt.
Meine Großmutter kam mit ihrer Familie nach 20-tägiger Fahrt in der ostkasachischen Kreisstadt Ajaguz an. Man brachte sie in ein größeres Dorf Mynbulak, von wo aus die Deportierten auf kleinere Siedlungen verteilt wurden. Deutsche mit brauchbarer Berufsausbildung blieben im Zentraldorf, so auch mein Urgroßvater David Geier, der wie bereits erwähnt Schmied gewesen ist. 26

4.3 Trudarmee

Mit der fortschreitenden Zwangsumsiedlung wurde eine weitere Maßnahme in die Wege geleitet. Mit einem Erlass vom 31.August 1941 wurden alle deutschen Männer der Ukrainischen SSR in die sogenannte Trudarmee, die Arbeitsarmee, einberufen. Am 8.September 1941 erließ Stalin den Befehl, alle Angehörigen der Roten Armee mit deutscher Nationalität von der Front zu demobilisieren und in Bautrupps überzuleiten.Erst später wurde dafür der Begriff Arbeitsarmee eingeführt. Die Demobilisierung der Deutschen wurde zwar zum größten Teil 1941 ausgeführt, dauerte letztendlich jedoch bis 1945, sodass gegen Kriegsende trotzdem noch einzelne Deutsche in der Roten Armee zu finden waren. Der Bruder meiner Großmutter Konstantin Geer wurde 1939 zum Wehrdienst einberufen. 1942 wurde er aus der Roten Armee demobilisiert, verstarb jedoch bei dieser Maßnahme.27 Die Arbeiter der Arbeitsarmee wurden als Holzfäller und Bergmänner eingesetzt. 1942 wurden auch alle zwangsumgesiedelten Männer und Frauen im Alter von 15 bis 55 (Frauen: 16 – 45) Jahren einberufen, 1943 schließlich auch alle Deutschen, die schon vor dem Krieg im asiatischen Teil der Union lebten. Emma Aifeld hatte Glück im Unglück: Als sie 1942 zusammen mit weiteren

26 Überliefert durch meine Großmutter Emma Aifeld, geb. Geer 27 Dokumente des Kreiswehrersatzamtes Nikolajewsk

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jungen Frauen ins Arbeitslager gebracht werden sollte, ereignete sich ein Autounfall bei dem die Fahrerin, eine Russin, verstarb und meine Großmutter zusammen mit den anderen von der Trudarmee freigestellt wurde, da sie einen längeren Krankenhausaufenthalt aufgrund der schweren Verletzungen vor sich hatten.

Mein Großvater hingegen wurde schon am 21.September 1941 mobilisiert, jedoch am 2.Juli 1942 aus der Trudarmee entlassen, da er zu schwach zum Arbeiten war und er zum Sterben zu seiner Familie geschickt wurde. Nur durch die Fürsorge seiner Mutter, die er nach seiner Ankunft in Kasachstan erfuhr, überlebte er und starb erst kurz vor meiner Geburt im April 1991.28 Sein Bruder Konrad wurde 1942 auch heimgeschickt, jedoch erreichte er nur die Kreisstadt Ajagus und verstarb dort auf der Straße, da ihm ein Gastwirt Zutritt verwehrte und gerade der frostige sibirische Winter herrschte. 70km trennten ihn von der Mutter.29 Ein weiterer Bruder meines Großvaters Philipp Moor wurde im Alter von 17 Jahren einberufen, obwohl er taubstumm war. Im Jahr 1943 verurteilte man ihn wegen konterrevolutionärer Sabotage zu 5 Jahren Haft. Danach verliert sich seine Spur.30

Emilie Geer erzählt, dass auch sie 1942 einberufen wurde und 12 Jahre an verschiedenen Orten am Ural im Arbeitslager arbeiten musste. Auch nach dem Sieg über Hitler-Deutschland wurden Trudarmisten weiter eingesetzt. Nun wurden sie, da die Trudarmee 1946 offiziell aufgelöst worden ist, als sogenannte Sondersiedler dem NKWD unterstellt und weiter zur Arbeit verpflichtet.

4.4 Sondersiedlung

Auch alle anderen Russlanddeutschen waren in diesen Sondersiedlungen

28 Dokumente über Arbeitsarmeeaufenthalt meines Großvaters Peter Aifeld 29 Überliefert durch Großvater Peter Aifeld
30 Akte zu Philipp Moor

20

untergebracht. Es handelte sich aber nicht um von anderen Sowjetbürgern abgeschottete Dörfer, als Deutscher war man jedoch streng kontrolliert. Um die Sondersiedler kümmerte sich ein Kommandant. Jeden Monat musste man persönlich erscheinen und unterschreiben, sich gemeldet zu haben. Das Verlassen der eigenen Zone war nur mit ausdrücklicher Genehmigung gestattet – auch wenn man in das nächstgelegene Dorf in 6km Entfernung gehen wollte.31 1949 wurde über jeden Sondersiedler eine Akte angelegt.32 Erst mit dem Besuch des westdeutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer 1955 in Moskau, in dessen Folge auch die letzten Kriegsgefangenen die Sowjetunion verließen, wurden die Russlanddeutschen aus den Sondersiedlungen im Frühjahr 1956 entlassen.

5. Zusammenfassung

Die deutsche Bevölkerung im Russischen Zarenreich und in der Sowjetunion konnte in ihrer 178-jährigen Geschichte (1763-1941) bis zum Zweiten Weltkrieg ihre Kultur, Sprache und den nationalen Zusammenhalt trotz des großen und nicht zusammenhängenden Siedlungsgebietes erhalten. Mit der beginnenden Assimilation und Russifizierung und der Aufhebung des besonderen Kolonistenstatuses wurde dies für die Deutschen in Russland immer schwieriger. Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, ausgelöst durch das nationalsozialistische Deutschland, waren auch die Deutschen in der Sowjetunion in einer schwierigen Situation, da sie nun als Feinde im eigenen Land angesehen wurden. Die Auflösung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen und die Deportation tausender Deutscher aus dem westlichen Teil des Landes nach Sibirien , sowohl deren Einberufung in die Trudarmeen waren die Folge.

Da alle Deutschen bis 1956 in Sondersiedlungen lebten und versichern mussten, dass sie ihr Leben lang nicht in die Gebiete, aus denen sie

31 Erzählung der Großmutter Emma Aifeld
32 Vorhandene Akte zu Urgroßmutter Elisabeth Rosenberg und Großvater Peter Aifeld

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deportiert wurden, zurückkehren, war auf längere Zeit keine Wiederherstellung eines zusammenhängenden deutschen Siedlungsraumes mit Deutsch als Amts- und Umgangssprache absehbar. Auch mit der Auflösung der Sondersiedlungen und der faktischen Gleichstellung der Deutschen mit den restlichen Sowjetbürgern infolge des Besuches von Konrad Adenauer in Moskau war die Schaffung der Zustände vor 1941 nicht realisierbar.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion sahen die Deutschstämmigen die Chance für die Erhaltung ihrer Identität. Eine Rückkehr in die historische Heimat war unabdingbar.
Seit 1990 sind so 2,3 Millionen Russlanddeutsche und deren nicht- deutsche Familienangehörige nach Deutschland zurückgewandert.33

33 Internetquelle 5

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Literaturverzeichnis Bücher

  • –  Dietz Jacob, Geschichte der deutschen Kolonisten an der Wolga, Redakteur Igor Pleve, 3.Auflage, Moskau , 2000

  • –  Eisfeld Alfred, Die Aussiedlung der Deutschen aus der Wolgarepublik 1941-1957, München, 2003

  • –  Eisfeld Alfred (Hrsg.), Pleve Igor (Bearb.), Einwanderung in das Wolgagebiet 1764-1767, Göttingen, 2008

  • –  PleveIgor,ListsofColoniststoRussiain1766,Saratov,2010

    Internetquellen:

    1. http://www.arwela.info/8gesch01.htm#Zeitchronik, aufgerufen am 1.12.2010

    2. http://de.wikipedia.org/wiki/Wolgadeutsche_Republik, am 8.12.2010 3. http://de.wikipedia.org/wiki/Kulak , am 12.11.2010
    4. http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsarmee , am 13.12.2010 5.http://de.wikipedia.org/wiki/Sp%C3%A4taussiedler, am 14.12.2010 6.http://de.wikipedia.org/wiki/Beutegermane , am 6.11.2010

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Titelbild

Familienbild der russlanddeutschen Familie von Georg Christian Schenk, aufgenommen ca. 1907 in Nikolajewsk

Interviews

  • –  geführt und aufgezeichnet am 10.11.2010 mit Emilie Geer in      russischer Sprache  

  • –  geführt und aufgezeichnet am 12.11.2010 mit Emma Aifeld in           russischer Sprache

  •    Dokumente

  • –  ProtokollüberDorfratswahlNeu-Andrianovka

  • –  GerichtsaktevonAlexanderAifeld

  • –  BescheinigungüberArbeitsarmee-AufenthaltvonPeterAifeld

  • –  Dokumente des Kreiswehrersatzamtes Nikolajewsk zu Geer

        Konstantin

  • –  GerichtsaktevonPhilippMoor