Berichte von Zeitzeugen - Ronald Dörfer
Zeitzeugenbericht Kugelfischer Kinderchor und Märchenspieler 60er Jahre
von Ronald Dörfer
Ronald Dörfer, Jahrgang 1953
Mein Vater, Thomas Dörfer, war Jahrgang 1922. Er kam mit 14 Jahren in die Lehre bei Kugelfischer. Im Krieg reichte seine abgeschlossene Lehre und die Berufspraxis als Dreher, um Bordmechaniker auf einer Junkers JU 88 zu sein.
Aufgrund seiner Kriegsverletzung konnte mein Vater nach Krieg und Gefangenschaft nicht mehr als Dreher arbeiten und wurde Büroangestellter. Unter anderem war er als Geldbote unterwegs und brachte, per Bahn, Reparationszahlungen in Millionenhöhe (Reichsmark) zur Alliiertenverwaltung in München.
Im Dezember 1961 wurde sein 25-jähriges Betriebsjubiläum begangen, da die Kriegsjahre mitgezählt wurden.
Wir wohnten damals in einer Werkswohnung in der Hauptbahnhofstraße und zogen einige Jahre später in eine Werkswohnung am Bergl.
Im Frühjahr desselben Jahres, ich besuchte die 2. Klasse an der Dr.-Ludwig-Pfeiffer-Schule in Oberndorf, war ich zum ersten Mal mit zur Kinderchorprobe gegangen. Meine Schwester Rosemarie, 3 Jahre älter, war damals schon einige Zeit im Chor. Die erste Probe war im obersten Stock im „Hochbau“. Es war uns untersagt, mit dem Lastenaufzug zu fahren. Also mussten wir notgedrungen die vielen Treppen steigen. Außer es benutzten Erwachsene, meist Männer in grauen Arbeitsmänteln, den Aufzug, dann sprangen wir flugs mit rein. Ich blieb bei der ersten Probe zunächst im Hintergrund, bei den größeren Buben, die mich ein bisschen unter ihre Fittiche nahmen. Ein Vorsingen und Einteilen in 1., 2. oder 3. Stimme wurde immer erst jeweils nach mehreren Proben vorgenommen.
Unser Chorleiter all die Jahre war Karl Haus, genialer Musiklehrer vom Konservatorium Würzburg. Er stammte aus einer Wirtsleutefamilie aus Schonungen. Herr Haus spielte auf einem Bechstein-Konzertflügel. Und da wir manchmal im Hochbau, aber auch auf der Bühne des Saals der Jugend und später auch in den neugebauten Jugendräumen probten, musste von vielen kräftigen Arbeitern das schwere, sperrige Instrument jeweils transportiert werden.
Der Kugelfischer Kinderchor, Ende der 50er Jahre, vor der Eingangstreppe des „Saal der Jugend“. Bildmitte: Chorleiter Karl Haus
Gleich bei meiner ersten Probe kam zum Ende der Stunde Frau Seidel, ehemalige Privatlehrerin der Söhne von Georg Schäfer und Chefin der Betriebsbücherei. Sie hatte einige „Rasselbande“ (Jugendzeitschrift 1953 - 1966) dabei und wollte sie an Kinder geben, die etwas vorsingen. Unser erstes einstudiertes Lied war der Kanon „Ich armes welschesTeufli“ und ich als Jüngster und Neuzugang traute mich, dies zum Besten zu geben. Ich wollte unbedingt ein solches „Rasselbande-Heft“.
Beeindruckt von meinem Selbstvertrauen, teilte mich Frau Seidel gleich als Darsteller für das für die Osterfeiern geplante Märchenspiel „Wettlauf zwischen Hasen und Igel“ ein. Die Akteure für die Weihnachts- und Osteraufführungen waren zum großen Teil Mitglieder des Kinderchors.
In der Werksbücherei kam das Gespräch zwischen meinem Vater und Frau Seidel auf und mein Vater bemerkte, dass er noch einen jüngeren Sohn habe, der recht aufgeweckt sei. Mein Bruder Michael wurde somit also der jüngste Mitwirkende - wie ich ein Igelkind.
Die Proben fanden dann jeweils Samstagnachmittag auf der Bühne im Saal der Jugend statt. Den Text haben wir schon im Vorfeld einstudiert. Im Laufe der Proben wurde es immer konkreter: erst nur Text, dann Bühnenstandorte (wegen der festinstallierten Mikrofone), Kulissen, Kostüme (teils von unseren Müttern gefertigt). Es gab immer eine Vesper und Bluna. Betreut wurden wir von Mitarbeiterinnen von Frau Seidel aus der Bücherei.
Im Laufe der 60er Jahre wurden zu Ostern die Märchenspiele „Wettlauf zwischen Hase und Igel“, „König Drosselbart“, „Der gestiefelte Kater“, „Hans mit der goldenen Gans“, „Das tapfere Schneiderlein“, „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ und „Rumpelstilzchen“ , sowie zu Weihnachten „Das Englein, das vom Himmel fiel“, „Der Mond mit der roten Nase“, „Knecht Ruprecht in Not“ aufgeführt. Nikolaus-darsteller all die Jahre war Herr Schneider, der in Pelzmantel, -mütze und -handschuhen nahezu unerträglich schwitzen musste. Er war auch der Maskenbildner und konnte da wohl auf Erfahrung zurückblicken.
Dann war es soweit: Die Feiern fanden an zwei bis drei aufeinanderfolgenden Tagen. mit jeweils zwei Feiern am Nachmittag statt. Es gab zu Weihnachten Christstollen, zu Ostern Hefeteighasen mit Rosinenauge und immer leckeren Kakao. Umrahmt vom Nordfrankenorchester (Kapellmeister Kurt Einig) gab es das Kasperletheater vom Coburger Puppentheater, den Auftritt des Kinderchors, die Ansprache von „Papa Schäfer“ und dann das Märchenspiel.
Geschenktüten mit Süßigkeiten (an Ostern Schokoladenhase, Prinzenrolle, kleine Schokoeier, sowie gekochte, bunte Eier, an Weihnachten Schokonikolaus, Lebkuchen, Dominosteine, Erdnüsse und Orangen) und einem Spiel (ich erinnere mich an Boccia-Spiel, Hula-Hoop-Reifen, Hüpfseil, Federballspiel, Spielesammlung, Ball, Cricket, Ringwurfspiel, Fangballspiel und Ballspiel mit Bananenschläger) oder Buch, wurden zum Ende der Feiern von der Betriebsfeuerwehr verteilt; bei den Osterfeiern in Feuerwehruniformen, bei den Weihnachtsfeiern als Hilfsnikoläuse verkleidet. Dabei kam es wiederholt zu übersteigertem Ruteneinsatz vor allem gegen Mütter. Dies führte aufgrund von Beschwerden mindestens einmal zu weiterreichenden Konsequenzen.
Frau Seidel war eine typische Lehrerin des „alten Schlags“: Respekt einflößend aber gerecht, konservativ aber auch mit Humor. So fiel ihr für die Märchenspiele oft ein Gag ein. Bei Rumpelstilzchen tanzten alle Darsteller zum Schluss den Modetanz „Letkiss“, der gerade sehr angesagt war. Bei „Mond mit der roten Nase“ kamen einige Zwerge mit Tretrollern auf die Bühne. Für „Der Hans mit der goldenen Gans“ waren Original Gochsheimer Trachten ausgeliehen worden. Bei „König Drosselbart“ sangen wir als Bettlerfamilie das Lied „Widelewedele“. Bei der 1962er Aufführung von „König Drosselbart“ hatte mein Bruder auf die Bühne zu springen und zu rufen: Der König kommt! Gleich bei einer der ersten Feiern stolperte er mitten im Satz: Der König - PLUMPS - kommt. Das löste ein Riesengelächter aus und es wurde als Gag in die folgenden Aufführungen übernommen… Für das Weihnachtsmärchen „Knecht Ruprecht in Not“ sprach ich den Text „Krach, krach, bringt endlich Nüsse her, mein Magen ist entsetzlich leer. Seit Tagen habe ich nichts gegessen, ich könnte gleich ein Dutzend fressen“ auf Tonband, da der Nussknacker-Darsteller hinter seiner Riesenholzmaske nicht ins Mikrofon sprechen konnte. Die Aufnahme kam so gut an, dass sie auch für die Weihnachtsfeiern in anderen Kufi-Werken verwendet wurde.
Die Begeisterung der Kinder auf und vor der Bühne aber war riesig und wenn dann noch die Kinder, die weder Vater noch Mutter beim Kufi hatten, neidisch waren, dann war unser Glück perfekt. Die Pausen zwischen den jeweils zwei Aufführungen pro Tag, verbrachten die Akteure von Kinderchor und Schauspielerei in den Jugendräumen. Wir wurden verpflegt, spielten z.B. Tischtennis und sahen Filme. Ich erinnere mich an „Der alte Mann und das Meer“, Erich-Kästner-Filme, Tierfilme, Werkswerbefilme und einen Film über Zivilschutz („Denke dran - schaff’ Vorrat an“). Mein Bruder weiß von einem Dokumentarfilm über Papua mit nackten Eingeborenen, die Männer mit Penisrohren. Daraufhin gab es von Elternseite einen Riesenärger.
Für die Darsteller der Märchen gab es nach dem letzten Auftritt ein Geschenk. Ich erinnere mich an Segelboot, Schuko-Polizeiauto, einen gelben Matchbox-LKW, Segelflieger, Bücher.

Im Kinderchor waren größtenteils Schweinfurter und Kinder aus Randgemeinden mit Stadtbusanbindung. Elterntaxi war damals gänzlich unbekannt, die wenigsten Familien hatten Auto und die Kinder waren viel mehr auf sich gestellt. Kurz vor Beginn der Sommerferien trafen sich die Kinderchöre aus Schweinfurt, Ebern, Eltmann und Elfershausen auf der „Waldesruh’“ zum Sängerwettstreit. Wir wurden gut bewirtet, hatten schöne Freizeit und sangen unser „Osterprogramm“. Aus dem Kugelfischer Kinderchor gab es immer wieder mal „Auswahlchöre“, z.B. zur Unterstützung der Städtischen Singschule (Leitung hatte Chordirektor Lorenz Schlerf) bei öffentlichen Auftritten oder für Schallplattenaufnahmen: Mitte der 60er Jahre erschien die Single „O Freude über Freude“, aufgenommen im Tagesraum der Jugendherberge in Oberndorf.
Lieder des Kinderchors, an die ich mich noch gerne erinnere:
Ostern:
Mich brennt’s in meinen Reiseschuh’n
Ich armes welsches Teufli
Aus grauer Städte Mauern
Von Luzern auf Weggis zu
Weihnachten:
Kommet ihr Hirten, …
Vom Himmel hoch, da komm’ ich her
O Freude über Freude
O Jesulein zart


Hinweis:
Dieser Zeitzeugenbericht erhebt auf keinen Fall den Anspruch vollständig und fehlerfrei zu sein.
Ich freue mich über Reaktionen, Ergänzungen und Berichtigungen.
Ronald Dörfer
Bilderquellen: Private Fotosammlung der Familie Dörfer und teilweise aus dem Vereinsarchiv des IM Schweinfurt
Zusammengestellt im Oktober 2025 von Thomas Bauer,
Kurator im Industriemuseum Schweinfurt.
Mein Schweinfurt














