Die Zeit des Wiederaufbruchs und der Entnazifizierung 1945 - 1948

Nach dem Einmarsch der amerikanischen Streitkräfte wurden zu nächst alle männlichen Einwohner Schweinfurts zusammenbeordert und einem Verhör bzw. einer Untersuchung unterzogen. All diejenigen mit offensichtlicher NS-Vergangenheit (z.B. Funktionsträger) wurden in ein Internierungslager nach Hammelburg verbracht.

Bei einigen kam es nicht so weit! Der Schweinfurter Oberbürgermeister Pösl stürzte sich aus einem Fenster oder vom Dach der Goetheschule.

Sein Nachfolger wurde Otto Stoffers, ein politisch unbelasteter Man, den die Amerikaner in dieses Amt setzten. Er war zuvor der Direktor der Gademann'schen Farbenfabrik.

In der Stadtverwaltung fand eine "Säuberung" statt. Alle Bediensteten mit nazionalsozialistischer Vergangenheit mussten ihren Posten räumen. Fast alle Lehrkräfte waren hiervon betroffen, was zunächst die gesamte Schulstruktur aus den Angeln hob. So musste dennoch zur Aufrechterhaltung des Schulunterrichtes dennoch wieder auf solche Lehrkräfte zurückgegriffen werden.

Direkt nach Kriegsende hatte Schweinfurt noch 24600 Einwohner, die in der damaligen Ruinenstadt lebten. Ende 1941 wurden noch 49916 gezählt.Den Tiefststand erreichte Schweinfurt im Dezember 1944 mit 24055 Einwohnern. Durch Kriegsheimkehrer und Flüchtlinge wurden es bis Juni 1945  27168.

Der Kriegsschutt wird weggeräumt.....

Kriegstrümmer vor der Johanniskirche
Kriegstrümmer vor der Johanniskirche
Wiederaufbau am Albrecht-Dürer-Platz
Wiederaufbau am Albrecht-Dürer-Platz

Ende 1945/ Anfang 1946 wurden die Kriegstrümmer aus den Straßen entfernt. Durch die Stadt wurden Schienen verlegt, die bis ins Jahr 1947 hinein den Trümmerbahnfahrten dienten (siehe Foto unten). Abgeladen wurden die Trümmer gegenüber der Berufschule. Die dortige Erhebung nennt sich noch heute "Schuttberg" oder wer's romantischer mag "Monte Schuttino".

Trümmerbahn zum Schuttberg
Trümmerbahn zum Schuttberg

In der Zeit direkt nach dem Kriege war die Wohnungsnot sehr groß. Ein Zeitzeuge, der in diesen Tagen in der Franz-Schubert-Straße gegenüber der Kaserne wohnte, erinnert sich:

"Zu dieser Zeit wohnten wir, ich war 9 Jahre alt in der Franz Schubert Str. Nr. 4 gegenüber der Kaserne, dem Wohnblock Niederwerrner Str./Beethoven Str./Kilian Göbel Str./Franz Schubert Str. Da nach Kriegsende viele Osteuropäer, die in der Deutschen Armee gedient hatten, nach Schweinfurt kamen und nicht zurück in ihre Heimat wollten oder konnten und man für diese Leute Wohnungen brauchte, kam eines Tages ein Jeep der US Armee in unseren Wohnblockinnenhof  gefahren und forderte die Bewohner auf, die Wohnungen in einigen Stunden zu räumen. Der Befehl, wurde aber kurze Zeit später von der US Armee wieder zurück genommen, (zuwenig Wohnraum), sodass wir bleiben konnten. Stattdessen mussten die Bewohner am Theodor Fischer Platz ihre Wohnungen verlassen. Dort war dann Raum genug mit eigener Polizei und einem Schlagbaum. In die Kaserne und in das Kasino, in der Richard Wagner Str. sind dann Flüchtlinge eingezogen. Viele der Bewohner vom Theodor Fischer Platz, ( die in der Deutschen Armee gedient hatten,) sind in die USA ausgewandert und ehemalige Bewohner konnten wieder zurück in ihre Wohnungen."

 

Die Entnazifizierung:

 

Zur Entnazifizierung zählte die Verfolgung von Verbrechen, die während der nationalsozialistischen Herrschaft begangen wurden. Neben einer möglichen strafrechtlichen Verfolgung wurden die betreffenden Personen gemäß dem Kontrollratsgesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus vom 5. März 1946 in fünf Kategorien eingeteilt:

  1. Hauptschuldige (das waren die Kriegsverbrecher)
  2. Belastete (Aktivisten, Militaristen und Nutznießer)
  3. Minderbelastete
  4. Mitläufer und
  5. Entlastete.

Für Deutschland verabschiedete der Alliierte Kontrollrat in Berlin ab Januar 1946 mehrere Entnazifizierungsdirektiven, anhand derer man bestimmte Persoengruppen definieren und schließlich einer gerichtlichen Untersuchung zuführen konnte.

So war das auch in Schweinfurt, wo entsprechende Spruchkammern gebildet wurde, die Belastete abzuurteilen hatten.

 

Ein Beispiel ist das Urteil der Schweinfurter Spruchkammer vom 5. Dezember 1947, das freundlicherweise Herr Werner Rüttinger aus Halle zur Verfügung gestellt hat:  (kann durch Anklicken vergrößert werden)

 

Befragungen durch das Military Government of Germany:


Wie auch anderswo, mussten sich die Schweinfurter einer Befragung durch das amerikanische Militätgovernment unterziehen. Hierzu wurden spezielle Fragebogen ausgegeben und schließlich ausgewertet. Eine Befragung folgte. Ein wichtiges Indiz war der "Auszug aus dem Wehrpass", den so manch einer wohlweislich verschwinden ließ.

Hier ein Schweinfurter Beispiel:


Der Auszug aus dem Militärpass:

 

Der Fragebogen des "Military Government of Germany":

Die Meinungen über den Einzug der amerikanischen Streitkräfte und deren Besatzung war geteilt. Manche verspürten diese als Unterdrücker und den Umstand als Niederlage, andere waren froh, dass die Nazidiktatur ein Ende gefunden hatte. Demokratie musste jedoch erst gelernt werden.

Die erste Wahl zum neuen Oberbürgermeister gewann Ignaz Schön (SPD).

 Die Stadt, noch in Trümmern liegend, versucht sich wieder zu organisieren.

Am 06. Juni 1946 findet die erste Stadtratssitzung statt.

Die erste Stadtratsitzung - zweite von links unten: Gretl Baumbach, zweiter von rechts unten: Oskar Soldmann
Die erste Stadtratsitzung - zweite von links unten: Gretl Baumbach, zweiter von rechts unten: Oskar Soldmann


Die Presse nahm 1946 am 15. Juli ihre Arbeit wieder auf. An diesem Tag erschien die erste Ausgabe der SPD-nahen Tageszeitung "Der Volkswille". Presseeinschränkung war zu jener Zeit jedoch noch an der Tagesordnung. Erst mit Wegfall der Pressbeschränkung konnte das Schweinfurter Tagblatt wieder erscheinen, das unter Verleger Hans Helferich sich schnell zur führenden Tageszeitung entwickelte, während der Volkswille mit der katholischen "Volksblatt" fusionierte und hierbei die "Schweinfurter Volkszeitung" entstand (1955).


Kinder spielen - im Hintergrund Gebäude, in denen die Spuren des Zweiten Weltkriegs zu sehen sind....
Kinder spielen - im Hintergrund Gebäude, in denen die Spuren des Zweiten Weltkriegs zu sehen sind....

 

In der wirtschaftlich äußerst schwierigen Zeit der Nachkriegszeit wurden natürlich Lebensmittel rationiert ausgegeben. Hierzu gab es eigens ausgestellte Personalausweise für die Lebensmittelausgabe:

Lebensmittelmarken waren zunächst die gängige Möglichkeit, an Nahrungsmittel zu gelangen; man bewahrte sie nach Lbensmittel getrennt in besonderen Mappen
Lebensmittelmarken waren zunächst die gängige Möglichkeit, an Nahrungsmittel zu gelangen; man bewahrte sie nach Lbensmittel getrennt in besonderen Mappen

Nach Kriegsende übernahm die bereits während des Krieges erfolgte Lebensmittelzuteilung die amerikanische Militärregierung, die in Schweinfurt ihre Niederlassung in der Johannisgasse 1 hatte. Dieser unterstellt war der erste Nachkriegsoberbürgermeister Dr. Otto Stoffers (1881 - 1963), der auch als gewähltes Ratsmitglied von 1952 bis 1963 für die FDP dem Stadtrat angehörte. Dr. Stoffers gab Lebensmittelverteilungen per Aushänge bekannt und ließ Brotkarten verteilen. Im "Mitteilungsblatt" der Militärregierung wurden die zugeteilten Mengen bekanntgemacht, so für Fleisch, Milch, Fett, Kartoffeln, Mehl, Zucker usw.

Die Tagesrationen waren festgelegt und beliefen sich z.B.

- Mai    1945   >    891 Kalorien pro Tag

- Sept. 1945   > 1550 Kalorien pro Tag

- März  1946  >  1220 Kalorien pro Tag

- Mai    1946  >    900 Kalorien pro Tag

Anfang 1947 bedeutete eine solche Rationierung konkret:

35 g Brot, 14 g Fleisch, 43 g Gemüse, 52 g Käse, 2 Kartoffeln und 1/8 l Magermilch täglich.

Besonders schlimm war die Versorgungssituation direkt nach dem Krieg, auch, weil die Maxbrücke im aberwitzigen Irrtum gesprengt wurde, da man meinte den Vormarsch der US-Streitkräfte damit aufhalten zu können. Dr. Stoffel rief deshalb den damaligen Landrat Bernhard Schineller zu Hilfe, der unverzüglich in Bergrheinfeld und Schnackenwerth eine Viehlieferung nach Schweinfurt anordnete. Auch aus den Haßbergen kam Hilfe durch Lieferung von Fett und Butter.

Bis Ende 1945 war auch die Wasserversorgung in Schweinfurt schlecht, wobei die hochgelegenen Stadtteile Kiliansberg, Maibacher Höhe, Gartenstadt besonders betroffen waren. Die Hauptversorgung durch das Hauptpumpwerk in den Wehranlagen entfiel, da einschließlich Leitungsrohren durch Luftangriffe völlig zerstört. Wieder instandgesetzt wurden die Wasserwerksanlagen in Oberndorf, die ca. 50 entlasssene deutsche Kriegsgefangene wieder herrichteten. Doch erst mit Wiederinbetriebnahme der Überhebepumpe am Obertor und Teilberg Ende 1945 trat eine wirkliche Besserung ein.

Wichtig für die Versorgung war die Aufrechterhaltung der städtischen Volksküche in den Durchgangslagern.

Am 19. September 1945 genehmigte die amerikanische Militärbehörde den Gütertausch, sodass sich im Laufe der Zeit ein reges Wirtschaftsleben auf dieser Basis entwickeln konnte.

Dennoch kam es in der ersten Hälfte des Jahres 1946 zu dramatischen Versorgungsengpässen, die zu Kürzungen der zugeteilten Lebensmittel und Streichung der Ausgabe von Zusatzweißbrot führten. Die Grundmenge für Brot wurde ebenfalls gekürzt.

Der am 6. Juni 1946 gewählte Oberbürgermeister Dr. Schön bot im Umland hohe Zahlungen an, um ein Mindestmaß an Versorgung gewährleisten zu können. Selbst Kartoffeln wurden knapp, auch, weil Plünderer die Feldbestände dezimierten.

Diese schlimmen Verhältnisse dauerten weit in das Jahr 1948 an. OB Dr. Schön bezeichnete die Verhältnisse als katastrophal, die Versorgung über Lebensmittelkarten war zu diesem Zeitpunkt nur noch für 2 Wochen gesichert.

Am 23. August 1947 legten alle Beschäftigten für 24 Stunden die Arbeit nieder, um Veränderungen in der Versorgungspolitik zu erreichen.

Erst ab August/September 1948 gab es wirkliche Besserung und bis zur Abschaffung der Lebensmittelkartenbewirtschaftung 1949 wurden die Rationen stetig erhöht. Wesentlich war hierbei die Währungsreform vom 20. Juni 1948.


Die Wohnungssituation:

Nach den vielen Kriegszerstörungen waren Wohnungen Mangelware. Viele Familien mussten sich Wohnungen teilen, andere wohnten in Baracken oder Kellern. Es herrschte große Not bis in das Jahr 1947 hinein. Geld von Wert gab es noch nicht und es blühte der Schwarzmarkthandel. Eine große Freude war es, wenn jemand ein Care-Paket aus den USA ergatterte. Darin gab es Milchpulver, Schokolade, Kaffee, weißes Mehl und Zucker.

Erst mit der Währungsreform im Jahre 1948 entwickelte sich wieder langsam ein organisierter Handel. Doch kaum jemand hatte genügend Geld um das Notwendigste zu kaufen.


Die erste Bundestagswahl in Schweinfurt