Das markgräfliche Haus von Schweinfurt

von Dr. Friedrich Stein, 1900

 

Die Geschichte der Markgrafen von Schweinfurt hat bereits früher durch Dr. Karl Friedrich Schöpff eine eigene Darstellung gefunden in dessen in drei Teilen 1755 - 1764 erschienenen Buche mit dem Titel: "Nordgau-ostfränkische Staatsgeschichte der gewesenen Markgrafen auf dem Nordgau und Grafen zu Franken, gemeinlich von Babenberg und Schwinvord" (Schweinfurt) "genannt". Seitdem hat jedoch die Geschichtsforschung viele Streitpunkte durch zum Teil neu aufgefundene Geschichtsquellen gelöst und die Lücken ausgefüllt. Dies ist in vielen, oft sehr ausführlichen Untersuchungen geschehen, welche sich in verschiedenen Zeitschriften zerstreut finden, wie von Moritz und Giesebrecht in den Verhandlungen der Akademie der Wissenschaften in München, ferner von mir selbst in den Forschungen zur deutschen Geschichte und in den Mitteilungen des thüringisch-sächsischen Geschichtsvereins zu Halle, auch in mehreren größeren Anmerkungen zu meiner Geschichte Frankens. Unter diesen Umständen wird eine neue Gesamtdarstellung der Geschichte der Markgrafen zu Schweinfurt gerechtfertigt sein.

Das markgräfliche Haus von Schweinfurt bildet eine der beiden Linien eines von einem Grafen zu Bamberg abgeleiteten hochfreien Geschlechts, das sich durch die seit 940 vorkommenden Brüder Berthold und Liutpold in zwei Linien scheidet. Berthold besaß eine eigentümliche Burg zu Schweinfurt, nach welcher seine Nachkommen benannt werden. Er bekleidete die Grafschaft in der königlichen Stadt Bamberg, so lange sie Königsgut war, ferner mehrere Gaugrafschaften in Franken und die Gaugrafschaft im bayerischen Nordgau, mit welcher die Markgrafschaft gegen Böhmen verbunden war. Von der bezeichneten Markgrafschaft erhielt er und sein Haus den markgräfischen Titel. Sein jüngerer Bruder Liutpold erhielt die Markgrafschaft Österreich und wurde dadurch der Stifter der österreichischen Linie desselben Geschlechts.

Der Vater der beiden genannten Brüder wird nirgends als solcher ausdrücklich bezeichnet und seine Auffindung ist erschwert durch den nahe liegenden Versuch, als einen Ahnherrn dieser Brüder den 906 hingerichteten Grafen Adalbert zu Babenberg aufzustellen, wie es schon von Otto von Freising (Gest. 1158) geschehen ist. Es muss daher der Geschichte dieser beiden Linien die Untersuchung und mögliche Lösung der Streitfrage vorausgehen, ob das von jenem Grafen Adalbert benannte Bebenberger Haus oder nicht vielleicht ein anderes, jüngeres Babenberger Grafenhaus das Geschlecht Bertholds und Liutpolds war.

Die Nachkommen Bertholds erloschen im Mannsstamme schon mit seinem Enkel Herzog Otto III. von Schwaben 1057. Aber Ottos Tochter Beatrix blieb im Besitz der eigentümlichen Burg Schweinfurt, von welcher auch der Beatrix Gemahl Heinrich bei Schriftstellern Markgraf von Schweinfurt heißt. Der Beatrix Sohn Eberhard, welcher Bischof von Eichstätt war, wandte 1112 dies Stammgut mit Zustimmung seiner Familie seinem Bistum zu. Außer der Geschichte der Beatrix und ihrer Söhne sind auch noch die übrigen Töchter des Herzogs Otto und ihre Nachkommen im Folgenden zu berücksichtigen, so weit sie Schweinfurtische Erbgüter im Besitz hatten. Dagegen kann die österreichische Linie hier nur für jene kurze Zeit Berücksichtigung finden, während deren sie noch nicht auf ihre fränkischen Güter Verzicht geleistet hatte, was schon 1018 geschah. Von da ab ist ihre Geschichte von der Geschichte des markgräflichen Hauses von Schweinfurt völlig abgesondert.

 

I. Abstammung

1. Fränkische Herkunft

Die fränkische Herkunft der Brüder Berthold und Liutpold ist durch viele Urkunden und Schriftsteller bezeugt. Solche Zeugnisse besitzen wir sowohl mit Bezug auf Berthold, seinen Sohn Heinrich, der gewöhnlich mit dem Diminutiv- oder Kosenamen Hezilo genannt wird, und dessen Sohn Otto, Herzog von Schwaben, als auch mit Bezug auf Bertholds Bruder Liutpold und dessen Sohn Ernst, der auch Herzog von Schwaben war. Ich will diese Zeugnisse hier einzeln aufführen.

Berthold hat von zwei ihm eigentümlichen nordgauischen Gütern zu Ammertal bei Amberg in der Oberpfalz und zu Isning in der Regensburger Gegend Leibeigene an das Stift St. Emmeran zu Regensburg gemeinsam mit seiner Gemahlin Heilieswinda und seinem Sohn Heinrich geschenkt, und in dem Kodex der Schenkungen an jenes Stift in "Pez Thesaur, aneed. nov." wird Berthold als ein Graf vom östlichen Franken  (comes de orientali Francia) bezeichnet. Es ist dies sein Abkunfts- oder Geschlechtstitel, während er in Arnolds tractatus S. Emmeramni den Amtstitel marchicomes hat. Seinen Sohn Hezilo nennt Thietmar von Merseburg, dessen Vatersschwester Hezilos Mutter war, in seiner Chronik bei der Nachricht von Hezilos Tod in einem Nachruf die Zierde der östlichen Franken - decus Francorum orientalium.

Bertholds Enkel Otto war bei einer nach Sachsen- und Frankenrecht vollzogenen Gutsübergabe an das Michaelskloster zu Bamberg als Zeige zugezogen, wobei die Zeugen nach Nationalität geschieden angegeben sind und nach den Worten isti sunt Franci orientales als erster ostfränkischer Zeuge Otto steht (Schannat vind. litter I. 41) Ferner wird Otto in Pez Script. rer. Austr. I. p. 739 als Besitzer von Pfünz bei Eichstätt ums Jahr 1025 ebenso, wie sein Großvater Berthold als ein Graf vom östlichen Franken (comes de orientali Francia) bezeichnet.

Bertholds Bruder Liutpold war der erste Graf der bayerischen Ostmark oder Österreichs und führt in der Reihe der österreichischen Markgrafen Namen und Ziffer als Leopold I. Von ihm dagt die Chronik des Stiftes Melk: Leopold I. stammt nach der Überlieferung von einem gewissen hochedlen Grafen von Babenberg aus einem fränkischen Geschlechte (ex genere Francorum). Sein Sohn Ernst, der in Franken zu Aura an der Saale seinen vornehmsten Sitz hatte und Herzog von Schwaben war, wird in dem Stiftungsbrief des nach Schenkung seines Burgsitzes Aura an das Hochstift Bamberg daselbst gegründeten Klosters nach seinem Range Herzog, aber nicht von seinem Herzogtum Schwaben, sondern nach seiner Herkunft vom östlichen Franken - dux orientalis Franciae - genannt.

Angesichts so vieler und bündiger Zeugnisse der fränkischen Abkunft Bertholds und Liutpolds kann es nur auf deren Missachtung oder Unkenntnis beruhen, wenn bayerische Spezialhistoriker früherer oder neuerer Zeit diese Brüder in den Stammbaum des hauses Wittelsbach einsetzen, oder, wie es neuerdings Riezler getan hat, einem unbestimmten nordgauischen Geschlechte zuweisen wollen. Über der älteren Versuche, welche den Berthold zu einem Enkel des Herzogs Arnulfs des Bösen von Bayern machen wollten, gänzlichen Ungrund hat sich schon Schöpff in seiner Nordgau-Ostfränkischen Staatsgeschichte Th. III S. 86 ausgesprochen, und die Grundlosigkeit eines ähnlichen neueren Versuches von Schmitz in einer Jubiläumsschrift zur siebenhundertjährigen Herrschaftsfeier des Hauses Wittelsbach in Bayern habe ich in meiner Geschichte Franken Bd. II. S. 301 dargelegt. Ebendaselbst S. 301 habe ich auch schon die Unrichtigkeit des Schlusses gezeigt, den Riezler in seiner Geschichte Bayerns I. S. 360 not. 3 auf eine bayerische und zwar nordgauische Abkunft Bertholds und Liutpolds aus dem Umstande ziehen will, dass bei Veräußerung eines Grundstückes im Jahre 1132 die Söhne des Markgrafen Leopold III. von Österreich nach bayerischer Art als bei den Ohren zugezogene Zeugen dienten. Jenes Grundstück lag auf bayerischem Boden, es war also gar nicht die Wahl, ob der Veräußerungsakt auch nach einer anderen Rechtsform, als der bayerischen vorzunehmen sei. Überdies hatte 1132 die österreichische Linie des Hauses schon längst ihren Stammsitz in Franken in die Hand des Kaisers Heinrichs des Heiligen aufgegeben, war dort besitzlos und nur noch in Österreich eingesessen.

 

2. Stammvater

 

Es fragt sich nun, welchem der in der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderts, wo Berthold und Liutpold geboren waren, in Franken bestehenden Geschlechter dieselben entstammten. Den nächsten Anhaltspunkt zur Beantwortung dieser Frage bietet uns die mehrerwähnte Überlieferung der Melker Chronik "Leopoldus primus originem duxisse fertur a quodam nobilissimo Babenbergensi comite e genere Francorum". Ein völlige Klarheit bringt diese Notiz uns um deswillen nicht, weil es im zehnten Jahrhundert noch nicht Sitte war, dass sich die edlen Geschlechter nach ihren Burgsitzen benannten, was erst mit dem zwölften Jahrhundert allgemeine Sitte wurde. Auch der Grafentitel war damals noch mehr Amtstitel, deer erst allmählich auch den übrigen Familienmitgliedern beigelegt wurde. Im Grunde besagt daher diese Notiz nur, dass ein Ahnherr Leopolds I. von hochedlem fränkischen Geschlechte und Träger des Grafenamtes zu Bamberg war.

Zu Bamberg befand sich im Jahre 902 eine Burg im Besitz des Grafen Adalbert aus dem Geschlechte der Popponen, eines Sohnes des Markgrafen Heinrich, der 886 auf der Grenzhut gegen die Normannen bei Paris gefallen war. Adalbert hatte zwei Brüder Adalhard und Heinrich, die in eine zunächst bei Prosselsheim spielende Fehde mit Bischof Rudolf von Würzburg aus dem rheinfränkischen Geschlecht der Konradiner geraten waren, worin den Rudolf sein im Spessart begüterter Bruder Eberhard unterstützte. In einem dieser Fehde vorfallenden Treffen unweit Bamberg fielen Adalhard und Eberhard, Heinrich wurde gefangen und auf Anordnung des damals in der Reichsregierung mächtigen Konradiners Gebhard hingerichtet. Darauf trat Adalbert in die Fehde ein, brach vom Grabfeld aus, wo er Gaugraf war, in die Wetterau ein und schlug und tötete Gebhards Bruder Konrad, worauf er sich mit seiner Beute wieder nach Bamberg zurückzog. Er wurde nun geächtet, in Theres gefangen und 906 hingerichtet.

Bischof Otto von Freising, ein Sohn des Markgrafen Leopold III. von Österreich, hat in seiner gegen Mitte des zwölften Jahrhunderts verfassten Chronik, wo er von diesem Adalbert oder, wie er ihn nennt, Albert spricht, bemerkt:"von dieses Alberts Blut soll nach Überlieferung jener Albert, der nachmals die den Ungarn entrissene Ostmark dem Römischen Reiche hinzufügte, seinen Ursprung herleiten". Es ist mit letzterem Albert Markgraf Adalbert, ein Sohn Liutpolds oder Leopolds I. von der Ostmark oder Österreich gemeint. Die Überlieferung der Melker Chronik über die Abkunft Leopolds von einem Bamberger Grafen ist demnach hier auf den Popponen Adalbert zu Bamberg bezogen, jedoch auch nur mit dem Ausdruck der Ungewissheit "soll" (traditur). Man hat oft die Ansicht ausgesprochen, Otto müsse, da er selbst dem Geschlecht der österreichischen Markgrafen angehört habe, dies doch wohl am besten gewusst haben, allein er gibt ja selbst zu erkennen, dass er keine bestimmte Wissenschaft hat.  Es scheint nur aus seiner Geschichtskenntnis die Supplierung des Namens Adalbert, des Popponen zu Bamberg, in der namenlosen Überlieferung, wie sie die Melker Chronik gibt, von ihm geschehen zu sein, wobei er die Namensähnlichkeit mit dem Markgrafen Adalbert von Österreich hervortreten ließ als Unterstützung seiner Annahme, was um so mehr auffällt, als schon Leopold I. (983 - 994) den Ungarn die Ostmark entrissen hat und seinen Sitz zu Melk nahm, auch unter Leopolds älterem Sohn und unmittelbaren Nachfolger Markgraf Heinrich I. (994 - 1018) bereits der Name Österreich gebraucht wird, und dann erst als dritter Markgraf in Österreich Leopolds jüngerer Sohn Adalbert 1018 folgte, es also gar nicht richtig ist, dass er die Ostmark dem Reich hinzugefügt habe.

Gleichwohl muss die Geschichtsforschung zunächst an dieser Angabe Ottos von Freising haften bleiben und sie auf ihre Haltbarkeit prüfen. Dies ist auch geschehen, hat aber ein durchaus negatives Resultat ergeben. Ich habe in der von der historischen Kommission an der Akademie in München unter dem Titel Forschungen zur deutschen Geschichte herausgegebenen Zeitschrift Band XII, S. 115 - 136 dies umständlich dargelegt, und es haben auch später andere Historiker die Annahme eines Zusammenhanges zwischen dem 906 enthaupteten Grafen Adalbert zu Babenberg und den Markgrafen Berthold und Liutpold aufgegeben, wie Giesebrecht, Gesch. d. dtsch. Kaiserzeit und Huber, Mitt. f. österr. Gesch. II. 374 - 382.

Eine genealogische Verbindung zwischen dem 906 enthaupteten Grafen Adalbert zu Babenberg und den Markgrafen Berthold und Liutpold ist unauffindbar und durch die Verschiedenheit des patrimonialen Besitzstandes des Popponischen Hauses einerseits und des Berthold-Liutpoldischen Hauses andererseits ausgeschlossen. Der von Hanthaler aufgestellte Sohn Adalberts als jüngerer, angeblich 933 in der Schlacht bei Merseburg gegen die Ungarn gefallener Adalbert von babenberg ist, wie Waitz, Jahrb. d. deutsch. Reiches unter Heinrich I. (neue Bearb.) S. 237 - 238 nachgewiesen hat, eine Fälschung. Eckhart hat in seinen Kommentarien der ostfränkischen Geschichte einen Grafen Adalbert von Marchthal in einen Grafen von Ammerthal, einem Eigengute Bertholds im Nordgau, umgeändert, und ihn als einen Sohn von Adalberts Bruder Heinrich ausgegeben. Allein Adalbert von Marchthal ist ein alemannischer Graf, dessen Burgsitz Marchthal ein schwäbischer Ort, und sein Vater hieß weder Adalbert, noch Heinrich, sondern Berthold (Stälin, Württemb. Gesch. I. 546 Note 2, vgl. auch S. 243 Note 4). Schon Schöpff in seiner nordgau-ostfränkischen Geschichte Teil III S. 35 - 93 hat die Eckhart'sche Aufstellung bekämpft. Wenn aber Schöpff meint, es sei der genealogische Zusammenhang des Markgrafen Berthold mit Adalbert von Babenberg zwar nicht ein direkter, aber vielleicht ein seitlicher, dabei aber nicht auf Adalberts Bruder Heinrich, sondern auf einen vermeintlich 919 und 920, in der Tat aber um 1025 lebenden Grafen Otto, welcher Bertholds Enkel ist, verfällt, so ist mit dem Ausdruck originem ex comite Babenbergensi oder ex sanguine Alberti duxisse in der Melker Chronik und bei Otto von Freising doch auf eine Abstammung von der Person dieses Grafen hingewiesen, nicht auf eine Seitenverwandtschaft mit ihm. Auch Döberl in seiner Schrift über die Markgrafschaft und Markgrafen auf dem Nordgau S. 10 denkt an die Möglichkeit einer Seitenverwandtschaft des von mir und auch von ihm angenommenen Vaters Bertholds, des mit König Heinrich I. verwandten Grafen Heinrich, mit Adalbert von Babenberg und meint, Graf Heinrich könnte gerade durch seine Verwandtschaft mit dem König Heinrich einen Rest aus dem Besitztum des Popponischen Hauses gerettet haben, allein das Berthold-Liutpold'sche Haus hat gar kein Popponisches Besitztum zu eigen, nicht einmal die dem Reich gehörige Burg in Bamberg, sondern sein ganzer Besitzstand fällt in den Besitzstand eines von den Popponen verschiedenen Hauses.

Ich bin deshalb auch in meiner Abhandlung über die Herkunft des Markgrafen Liutpold I. von Österreich in den Forschungen zur deutschen Geschichte S. 115 von dem Besitzstand Adalberts und seines Hauses ausgegangen und habe ihm S. 120 - 122 den Besitzstand eines anderen Hauses, der von mir so benannten Geisenheimer Geschlechter (meine Geschichte Frankens Band II S. 434) entgegengestellt, dann habe ich weiter S. 132 u. 133 nachgewiesen, dass der ganze Berthold-Liutpold'sche Hausbesitz in Franken in den Eigenbesitzstand des Geisenheimer Geschlechts, nicht aber in jenen des Popponischen Hauses fällt.

Der Berthold-Liutpold'sche Eigenbesitz liegt mit seinem Haupbestand nur im südlichen und nördlichen Radenzgau und in demjenigen Teil des Volkfelds, der sich am Main oberhalb Theres und an der vom Steigerwald her bei Bamberg in die Regnitz gehenden Aurach zwischen den südlichen und nördlichen Radenzgau verschiebt, während das Popponische Haus zu keiner Zeit im Radenzgau Güter oder Ämter gehabt hat. Der Radenzgau ist von der Radenz, jetzt Regnitz, benannt. Sein südlicher Teil liegt an der Regnitz von Erlangen bis zur Aurachmündung oberhalb Bamberg, sein nördlicher Teil am Obermain von Hallstadt bis zum Frankenwald, zwischen der Aurachmündung und Hallstadt liegt Bamberg in dem vorbezeichneten Nordostwinkel des vom Flüsschen Volkach benannten Volkfeldes. In jeder dieser drei Gegenden besitzt das Berthold-Liutpold'sche Haus eine Gütergruppe, in welcher auch ein 905 bei König Ludwig dem Kinde zu Forchheim im Radenzgau erscheinender, als dessen Getreuer und Vertrauter und als höchst edler Graf (nobilissimus comes) bezeichneter Adalhard begütert ist. Es ist dies im südlichen Radenzgau die Gütergruppe Höchstadt an der Aisch, Etzelsdorf, Gremsdorf und Adelsdorf, im nördlichen Radenzgau die Gütergruppe zu Zapfendorf in den zusammenhängenden Marken von Ebing und Ebensfeld, endlich in dem vorbezeichneten Teil des Volkfeldes die Gütergruppe Knetzgau und Wonfurt, weshalb Adalhard als ein Ahnherr des Berthold-Liutpold'schen Geschlechts angesehen werden kann, der nach des Popponen Adalbert Ächtung und Einziehung aller seiner Besitzungen und Eigengüter zum Reiche die Grafschaft in dem nun als Reichsgut erscheinenden, von drei Seiten vom Radenzgau umschlossenen Bamberg erhielt, das auch von der vierten Seite, von Theres her, dem Hausbesitz Adfalhards benachbart war. Zwischen diesem Ahnherrn und den Brüdern Berthold und Liutpold steht als Graf vom Radenzgau und mutmaßlicher Vater Bertholds und Liutpolds Graf Heinrich, der von 913 - 934 handelnd auftritt und 927 als mit König Heinrich verwandt urkundlich bezeugt wird.

 

3. Graf Heinrich, Verwandter König Heinrichs I.

 

Alles, was über Graf Heinrichs persönliche Verhältnisse und seine Beziehungen zum Radenzgau und zur Stadtgrafschaft in Bamberg aus Urkunden und sonstigen Zeugnissen zu entnehmen ist, habe ich in meiner Geschichte Frankens Bd. II S. 293 - 298 ausführlich zusammengestellt. Am 8. August 912 trat Graf Heinrich an Seite des Abtes Dracholf von Schwarzach im Volkfelde bei König Konrad I. zu Frankfurt auf und unterstützte die Bitte dieses Abtes wegen einer Schenkung von Gütern in dem an das Volkfelde und den Radenzgau anstoßenden Iffgau. Bei dem Heerzuge des Königs Konrads I. wegen des Elasses gegen Karl den Einfältigen von Frankreich waren zu Straßburg, 12. März 913 im Gefolge Konrads I. als fränkische Große des Königs Brüder Eberhard und Otto, Graf Heinrich und Graf Poppo vom Grabfelde, wo in einer Urkunde von diesem Tage Graf Heinrich unmittelbar nach des Königs Bruder Otto und vor dem Grafen Poppo eingereiht ist. Am 5. Juli 918 war er am bischöflichen Hofe zu Würzburg, wo auch der Konig Konrad  anwesend war, und erbat mit dem Bischof Thiodo vom König eine neue Ausfertigung eines durch zu Verlust gegangenen Zollprivilegs für das Hochstift zu Würzburg. Auf dem letzten vom König Konrad zu Forchheim abgehaltenen Reichstag im September 918, wo er seinen Bruder Eberhard und die fränkischen Großen bestimmte, die Krone nach seinem Tod dem Herzog Heinrich von Sachsen zu übertragen, erscheinen in einer Urkunde des Königs Bruder Eberhard und Graf Heinrich nebeneinander  genannt. Bekanntlich geschah diese Übertragung nach Konrads 23. Dezember 918 erfolgten Tod wirklich, und als der neu gewählte König Heinrich I. 920 nach Seelheim in Hessen kam, fanden sich bei ihm die fränkischen Großen ein, welche in einer Urkunde aufgezählt werden, als des Konigs Konrad Bruder Eberhard, seines Vatersbruders Eberhard Sohn Konrad, seines Vatersbruders Sohn Udo und Graf Heinrich. Später besuchte König Heinrich I. auch Ostfranken selbst und kam dabei zweimal nach dem Königspalaste zu Salz bei Neustadt an der Saale, das erste Mal !8. Oktober 927, zum anderen Mal 3. Juni 931. Beide Male fand sich Graf Heinrich bei ihm zu Salz ein. Er bat 927 beim König für einen Vasallen des Herzogs Arnulf von Bayern, der ihm wohl von dem benachbarten Nordgau her bekannt sein mochte, und 931 erbat er vom König die Schenkung einiger Leibeigenen fü den Abt Burkhard von Hersfeld, der noch in demselben Jahr Bischof zu Würzburg wurde. In der Urkunde vom 18. Oktober 97 wird Graf Heinrich nicht nur des Königs Heinrich I. fidelis et dilectus comes, sondern auch des Königs Verwandter propinquus genannt. Zum letzten Mal kommt Graf Heinrich 25. Juni 934 vor am Hoflager des Königs Heinrich I. zu Noedhausen in Thüringen als Fürbitter des selbst mächtigen thüringischen Grafen Siegfried. Aus allen diesen Urkunden geht hervor, dass er ein fränkischer Graf und zwar in Ostfranken - comes de orientali Francia - und zugleich der vornehmste ostfränkische Graf in der Zeit der Könige Konrad I. und Heinrich I. war. Die Verwandten König Konrads I., die neben ihm genannt werden, hatten nur Grafschaften imrheinischen Franken und in Hessen, von ostfränkischen Grafen wird neben ihm nur Graf Poppo einmal am Hoflager Konrad nach ihm aufgeführt, der aus dem popponischen Geschlecht stammt. Die Grafschaft Heinrichs ist im Radenzgau, da die übrigen bedeutenderen ostfränkischen Gaue andere Grafen hatten. Auf seine Innehabung der Stadtgrafschaft zu Bamberg deutet eine in dem Kloster Michaelsberg bei Bamberg bestandene Kunde, dass ein Graf Heinrich zu Bamberg mit einer Schwester des Königs Heinrich des I., welche Baba geheißen haben soll, vermählt gewesen sei. Die Michaelsberger Mönche Frutolf und Ekkehard, welche die unter dem Namen Ekkehards von Aura uns vorliegende Chronik am Anfang des zwölften Jahrhunderts verfassten, bezogen dies, da sie von unserem Grafen Heinrich nichts wussten, auf den 886 vor Paris gefallenen Popponischen Grafen Heinrich, den Vater des 906 hingerichteten Adalbert zu Babenberg, obgleich die chronologisch gar nicht zulässig ist. Wenn Bamberg vorher ganz oder teilweise Eigentum Adalberts gewesen, so musste es, nachdem dessen Eigengüter zum Reich eingezogen waren, einen königlichen Stadtgrafen erhalten und, wenn ein solcher Stadtgraf Heinrich Gemahl einer Schwester König Heinrichs I. war, so kann doch nur der urkundlich als propinquus regis Henrici bezeichnete Graf Heinrich darunter verstanden werden und es kann nur dieser von 913 - 934 vorkommende Graf zu Bamberg derjenige comes Babenbergensis gewesen sein, welchen die seit 940 bekannten und auch zu Bamberg auftretenden Brüder Bertholds und Liutpolds zum Vater hatten.

 

II. Die Markgarfen Berthold, Heinrich und Otto von Schweinfurt

 

1. Markgraf Berthold

Berthold erscheint schon in jungen Jahren in besonders vertraueter Stellung zu dem ebenfalls noch jugendlichen König Otto I. , der seinem Vater Heinrich I. 936 gefolgt war. Dies in besonders hervorstechendem Maße bemerkbare vertraute Verhältnis zwischen den beiden jungen Männern ist bei einer bestehenden Vetterschaft leicht, außerdem schwer erklärlich und war für den jungen König höchst wertvoll bei den Verwicklungen, in welche er in Franken und Bayern alsbald geriet.

Die Geschichte Frankens zu dieser Zeit ist vielfach auf ungenügenden, außerfränkischen Grundlagen aufgebaut und das gewonnene Erfebnis überdies durch freie Erweiterungen und Ausmalungen verunstaltet worden, so einfach in der Wirklichkeit die Sachlage war. Zur Hauptquelle nahm man früher eine Stelle in der St. Galler Klosterchronik (Casus St. Galli) des Abtes Ekkehard IV. von St. Gallen, (gest. um 1060). Dieser erzählt den unter König Konrad I. vorgefallenen Streit zwischen dem schwäbischen Grafen Erchanger  nebst seinem Bruder Berthold über einen Besitz zu Stammheim mit dem Bischof Salomo II. zu Konstanz, in welchem König Konrad zu Gunsten des Bischofs entschied und woraus sich eine blutige Fehde entspann, die mit Erchangers Hinrichtung endete. Der in dieser Fehde auch auftretende Burkard, Sohn des Markgrafen Burkhard von Rätien, wurde nachher Herzog, während bis dahin kein Herzog in Schwaben war, sondern die königlichen Güter, wozu Stammheim gehörte, von damit betrauten Gaugrafen und namentlich Stammheim von Erchanger verwaltet wurden. Diese königlichen Verwalter nennt Ekkehard Kammerboten - nuntii camerae - und stellt sie als Verwalter des ganzen Landes hin, allein das Kammerbotenamt war nur ein fiskalisches Nebenamt über fiskalische Güter neben dem Gaugrafenamt. Dabei zieht Ekkehard eine Parallele der Stellung und des Schicksals Erchangers in Schwaben mit der Stellung und dem Ende Adalberts von Babenberg in Franken, von dem wir wissen, das er neben mehreren Gaugrafschaften auch die Verwaltung königlicher Güter führte, was besonders von Milz bei Rönhild beurkundet ist, aber wahrscheinlich auch bei Theres und Bamberg der Fall war. Ekkehard macht daher auch den Adakbert zu einem nuntius caerae und sagt, wie der Kanzler Konrads I. Erchanger, so habe er auch den Adalbert hinrichten lassen, was aber unrichtig ist, da der Kanzler Hatto, welchen Ekkehard hiermit meint, schon gestorben war, als der Streit mit Erchanger begann. Weiter nennt Ekkehard noch einen nuntius camerae in Franken namens Werner, der sich vor Hatto, der beide verfolgte, gerettet habe. Diesen Werner hält man für einen rheinischen Franken, was nur auf einen Ahnherrn des salischen Hauses gehen kann, dann aber auf einen Vorfahren Konrads I. bezogen wurde, obwohl Konrad I. und die älteren Konradiner nicht in das salische Haus gehörten. Noch willkürlicher ist man mit dieser Stelle Ekkehardsa umgesprungen in deren Anwendung, wie sie sich in Eckharts Commentarien zur ostfränkischen Geschichte und bei Anderen findet. Obgleich Ekkehard von St. Gallen ausdrücklich sagt, dass Adalbert und Werner neben einander in Gegnerschaft zu dem Reichskanzler Hatto gestanden seien, dem ersterer erlag, letzterer entging, lässt Ekkehard den Adalbert  als Haupt der Popponen und den Werner als Haupt der Konradiner in gegenseitiger Feindschaft zueinander stehen und stellte die Sache so hin, als ob diese beiden Häuser in Ostfranken die mächtigsten Geschlechter gewesen seien und um die Vormacht gestritten hätten in der Babenberger Fehde, die uns von ohren Anfängen im Jahre 897 an bekannt ist und in ihrem ganzen Verlauf, der in meiner Geschichte  König Konrads I. (S. 146 - 170) erzählt ist, einer solchen  Auffassung  widerspricht.