Geschichte der Reformation in Schweinfurt Teil 3

Reformation der Reichsstadt Schweinfurt selbst.

 

Erstes Kapitel

 

M. Johann Sutellius zu Göttingen wird als erster evangelischer Lehrer hieher berufen. Verhandlungen des Landgrafen Philipps von Hessen mit ihm. Sein Anzug und erster Vortrag. Gute Seiten des neuen Lehrers.

Der Zeitpunkt erschien endlich, wo man nach einer langen Zögerung und Zurückhaltung sich auch in Schweinfurt öffentlich für die Lehre Luthers erklärte und an die Einführung derselben ernstlich dachte: die Bürgerschaft wünschte das immer lauter, und der Rath fühlte das Billige dieses Wunsches je mehr und mehr, da die meisten in seinem Mittel schon länger eben so protestantisch gesinnet waren; wenn gleich nicht so öffentlich. Bisher war die Furcht, ein mächtiges Reichs-Oberhaupt zu beleidigen und sich dessen Ungnade zuzuziehen, immer noch ein wichtiges Hinderniß, warum man mit einer gänzlichen Kirchen-Verbesserung zurück hielt; aber dieß Hinderniß war nun glücklicher Weise entfernt; denn der Kaiser wollte nun keiner christlichen Obrigkeit mehr wehren, in ihrem Lande und Gebiethe zu reformiren: wenigstens hatte er in der Declaration, die er d. 29sten Jul. 1541 über den Regenspurger Reichs-Abschied den Protestanten ausstellte, die ausdrückliche Bestimmung hinzu gefüget: " daß die Klöster und Kirchen unzerbrochen und unabgethan sollen bleiben, derselbe Artikel sol dahin verstanden werden, das hinfort die Klöster und Stift unzerbrochen und unabgethan bleiben sollen. Doch unbegeben einer jeden Obrigkeit, hinder deren sie gelegen, dieselbigen zu christlicher Reformation anzuhalten. Wenn nun gleich diese ohne der Stände Bewilligung gegebene Erklärung kein Reichs-Grundgesetz war worauf ohne allen Anstand gebauet werden durfte: so gab sie doch die eigentlichen Gesinnungen des Kaisers nicht undeutlich zu erkennen, und hob die Schüchternen zu einigem Muthe empor. Auch der hiesige Rath stützte sich darauf, und fing gleich mit dem Anfange des jahrs 1542 die Reformation in der Schweinfurtischen Kirche an; aber mit einer Einleitung, die ungemein weise und vortrefflich überlegt war.

Schweinfurter Hauptkirche St. Johannis um 1790
Schweinfurter Hauptkirche St. Johannis um 1790
Philipp v. Hessen
Philipp v. Hessen

Unter allen protestantischen Ständen stand der Landgraf Philipp von Hessen unstreitig oben an: an scharfen Einsichten, an festem Gange, an Fruchtbarkeit der Maaßregeln und Thätigkeit in ihrer Anwendung übertraf er die evangelischen Fürsten alle; keiner hatte sich auch in Franken furchtbarer gemacht und mehr in Respeckt gesetzt, als er. Das war gerade der Mann, an den sich eine kleine unbedeutende Stadt wenden mußte, wenn sie Vorschub zur Reformation erhalten und in ihrem Unternehmen geschützt sein wollte; und der hiesige Rath schlug diesen Weg ein bey der erwünschtesten Veranlassung.

Graf Wilhelm von Henneberg
Graf Wilhelm von Henneberg

Es sollte nähmlich ein neuer Schutzherr der Stadt gewählet werden, nachdem Graf Wilhelm von Henneberg kurz zuvor abgegangen war; und die freye Wahl, womit die Stadt von Kaiser Karl IV. und König Sigismund hauptsächlich, so wie von allen nachfolgenden Kaisern, begnadigt worden war, fiel absichtlich nun auf den Landgrafen Philipp von Hessen. In den ersten Tagen des Jänners wurden zwey Gesandte, Nikol. Sprenger und Ludwig Schäfer nach Cassel abgeschickt, um ihm die Stadt Schweinfurt zum Schutz und Schirm zu empfehlen. Bey dieser Gelegenheit eröffneten sie die Fürliebe des Rathes und der Bürgerschaft für die evangelische Religion, und den Wunsch, einen protestantischen Lehrer zu erhalten.

Der Landgraf übernahm nicht nur die Reichs-Vogtey-Stelle, so wenig er auch Anfangs dazu geneigt war, weil sie nicht erblich bey seinem Hause bleiben sollte; sondern er gab auch den Schweinfurtischen Abgesandten die mündliche Versicherung: daß er die Stadt mit einem evangelischen Lehrer versorgen wollte. Man war nun in Schweinfurt voller Erwartung; aber einige Monathe verstrichen, ohne daß etwas erfolgte: und doch ward eben ietzt Maynberg an den Fürst-Bischof zu Würzburg gekommen, womit den hiesigen Einwohnern wahrscheinlich in Zukunft die Gelegenheit, evangelischen Gottesdiensten daselbst beyzuwohnen, abgeschnitten wurde; man säumte also hiesigen Ortes nicht, Nachricht über den bisherigen Gang der Sache einzuholen, und schrieb deswegen d. 19ten März an den Stadt-Schultheißen Cyriac. Hopfer; worauf der Landgraf Philipp nun auch schriftlich versicherte: daß er alles angewandten Fleisses ohnerachtet noch keinen redlichen, gelehrten, frommen und tapferen Mann habe erlangen können, daß er aber nicht ablassen wollte, bir er die Stadt damit versorgen könnte. Als ein Mann, dessen Fürstliches Wort immer geltend gemacht werden mußte (denn dieß gehörte zu seinem Charakter) traf er bald darauf Anstalten und berief M. Johannem Sutellium, der bisher 12 Jahre zu Göttingen Prediger gewesen war, durch seinen Hofprediger Lenyngus zu sich nach Spangenberg, um mit ihm in der Sache zu handeln. Der Mann war sogleich bereitwillig, dem Winke seines ehemaligen Landesherrn zu folgen, nur mit der Bedingung, daß seine durch Bücher-Ankauf zu Göttingen gemachten Schulden von den Schweinfurtern einstweilen abgetragen werden möchten.

Kanzler Johann Feige
Kanzler Johann Feige

Dieß mußte der Kanzler Feig den Schweinfurtischen Gesandten, die kurz vorher zum zweyten Mahle nach Cassel abgeschickt worden waren, im Nahmen des Landgrafen andeuten, mit der Versicherung, daß er zwischen Ostern und Pfingsten anlangen und 2 Jahre in Schweinfurt bleiben würde. Die bestimmte Zeit war kaum zu Ende gegangen, so schrieb der Landgraf am Sonntag Exaudi (Anmerkung: 6. Sonntag nach Ostern) eigenhändig an ihn, daß er nun von Göttingen abziehen und sein Amt in Schweinfurt antreten sollte; aber der seinem Landesherrn sonst so ergebene Mann muß mancherley Hindernisse gefunden, oder, durch Vorspiegelungen verleitet, anderes Sinnes geworden seyn: wenigstens forderte ihnder Landgraf in einem zweyten Briefe am Pfingstfeste nochmahls dazu unter den dringenden Gründen auf: "Die Schweinfurter könnten seiner nicht länger entbehren und hätten durch einen Rathsfreund aufs Neue um Beschleunigung gebethen; wenn er längern Aufenthalt machen würde, so würde das ihm und den Schweinfurtern schimpflich seyn, und ihm selbst zur Verkleinerung gereichen. Uebrigens würde er gut unterhalten werden, und gute Gesellschaft finden; denn er wären in der Gegend Edelleute, die ihn von der Schule her kennten und mit Sehnsucht auf ihn warteten." Nun ging er aber auch ohne weitern Verzug gleich nach Pfingsten von Göttingen ab, und traf in Schweinfurt, wohin ihm seine Gattin und Kinder, nach manchen noch vor ihrem Abzuge von Göttingen gemachten herben Erfahrungen, einige Wochen darauf nachfolgten, glücklich ein, ward am 1. Sonntag nach Trinitatis (Anmerkung: Dreifaltigkeitsfest) in der Kirche zur unserer lieben Frauen, jetzt zu St. Salvator, der Gemeinde vorgestellet und ordentlich eingeführet, hielt auch an eben diesem Sonntag und in eben dieser Kirche seine Antritts-Predigt über das gewöhnliche Evangelium, und sprach im Geiste des Evangeliums darüber: wie man dich der Noth der Armen annehmen müsse. 

Schweinfurt mußte sich allerdings glücklich schätzen, einen so brauchbaren und würdigen Mann zum ersten Zeugen der evangelischen Wahrheit erhalten zu haben; denn wenn man bedenkt, wie herzlich schlecht die meisten damahligen Lehrer und Prediger waren; wie sehr es ihnen an deutlichen Religions-Begriffen fehlte; wie oft ie bloß das auf Kanzlen nachsagten, was sie vom Luther zu Wittenberg gehöret hatten; wie oft sie nur blindlings gegen Papst und Mönche öffentlich schrien, weil es einmahl allgemeines Geschrey war, und wie sehr den meisten beynahe alle guten Eigenschaften eines nützlichen Volkslehrers abgingen: so war der Gewinn außerordentlich groß, den Schweinfurt an dem Talentvollen Sutellius machte. Schon das war ein glücklicher Umstand, daß er bereits ein in seinem Amte geübter Mann war, der manchfache Erfahrungen eingesammelt hatte; aber auch außer dem besaß er eigentlich theologische Gelehrsamkeit, hatte helle Einsichten, die sich deutlich und populär mitzutheilen wußten, war im Vortrage mehr praktischer Lehrer als spitzfindiger Scholastiker, wovon seine wenigen Volksschriften Jedem, der sie lesen kann und will, mancherley Beweise darbiethen werden. 

Veit Dietrich auf einem Kupferstich des 16. Jahrhunderts
Veit Dietrich auf einem Kupferstich des 16. Jahrhunderts

Daher schätzten ihn auch die gelehrten Männer seiner Zeit, Luther, Melanchthon, Joh. Lenyngus, Anton. Corvinus, Mart. Frechtus, Veit Dietrich, Joachim Gresse, Justus Hybernus, Franc. Ithigius, wie ihre Briefe an ihn dieß sattsam ausweisen. Auch die Göttinger, die doch gegen das Ende seine besten Freunde nicht waren, mußten seine Verdienste in dem ihm ertheilten Abschiede anerkennen und ihm das rühmliche Zeugniß geben, daß er während seines 12jährigen Amtes sich durch seine Lehre allgemeines Lob erworben habe; und konnten in eben diesem Abschiede, weil sie nun seinen Verlust fühlen mochten, die Aeußerung des Wunsches nicht zurück halten, daß er doch ihr Lehrer wieder werden möchte. Solch ein Mann, der noch dazu so viele Gutmüthigkeit und Bescheidenheit besaß, wovon seine eigenen Briefe hin und wieder lebendige Abdrücke sind, mußte gewiß sehr viel Gutes wirken, zumahl auf einem Boden, der vorbereitet genug war, um den Samen, der nun ausgestreut wurde, aufzunehmen und Frucht bey sich bringen zu lassen.

Zweytes Kapitel

 

Die bisherigen Geistlichen verlassen die Hauptkirche freywillig und ziehen ab, bis auf Pastor D. Feigenbaum. Der Rath und Sutellius ergreiffen Besitz. Neue Lehrer in der Schule.

Indessen M. Joh. Sutellius in der Kirche zu unserer lieben Frauen lehrte, Taufte, das Abendmahl unter beyderley Gestalt austheilte und überhaupt sein Amt als protestantischer Pfarrer verwaltete, trieben die bisherigen Geistlichen an der Hauptkirche, der Pastor D. Johann Feigenbaum und die beyden Kapläne, Joh. Kläglein und Mart. Eben ihr Wesen ungestört fort. An andern Orten würde ihnen alsbald der Abschied gegeben, oder sie würden auch auf der Stelle ihres Amtes entsetzt und veriagt wirden seyn; hier durften sie noch einige Zeit ruhig ihre Stelle behaupten; man mochte entweder nicht so tumultuarisch gegen sie verfahren, um alles zu vermeiden, wodurch das Stift Haug und der Fürst-Bischof, unter welchem es stand, hätten gereitzt werden können; oder man wollte vielleicht abwarten, ob sie nicht (wie dieß an mehreren Orten schon geschehen war) sich endlich selbst zur neuen Lehre herüber neigen würden. Sutellius suchte die wenigstens in seinen öffentlichen Vorträgen, die sie bisweilen, aber nur um aufzulauern und manches Verfängliche daraus aufzuhaschen, besuchten, eines Bessern zu belehren, und das mit aller Bescheidenheit, die dem würdigen Manne eigen war; aber das erregte ihren Unwillen nur desto mehr, und niedrige Lästerungen entströmten ihrem Munde, zum tiefsten Schmerzen des gutdenkenden Mannes. Selbst der hiesige Rath bewies noch so viele Herablassung und Achtung gegen sie, daß er sie durch zwey Abgeordnete aus seinem Mittel, Joh. Kahler und Nikol. Sprenger auffordern ließ, der Augspurgischen Cenfession beyzutreten, weil die Lehrform derselben auch in der Hauptkirche eingeführet werden sollte, und traf keine weiteren Vorkehrungen, die er doch in seiner Gewalt gehabt hätte, da sie sich weigerten  dieß zu thun, und die Anzeige hievon sogleich nach Wirzburg gelangen ließen. Vorher zu sehen war freylich immerhin, daß sie sich einmahl hier nicht würden halten können; denn ihr Beyfall je mehr und mehr dahin, ihr Tempel stand an Sonn- und Feyertagen größten Theils leer, ihre Messen wurden nur von Wenigen besucht, die milden Gaben und Opfer hörten ganz auf, und die Amts-Verrichtungen wurden immer seltener; alles lief auf den neuen Lehrer zu und hing an ihm. 

Sogar manchen Neckereyen und Spöttereyen von Seiten des Pöbels, der in solchen Fällen immer etwas unziemlich heraus fährt, mußten sie sich noch über dieß ausgesetzt sehen, und der Pastor unter andern an seinem Hause ein unfeines Pasquill angeklebt finden. Wirklich legten auch die zwey Kapläne ihr Amt nieder und entfernten sich: Johannes Klüglein ging nach Bamberg; Martin Eben aber nach Wirzburg und ward von da nach Geltersheim ohnweit Schweinfurt befördert; nur der Pastor Feigenbaum blieb noch und mußte, um nicht alle Pfarr-Gerechtsame auf einmahl verloren gehen zu lassen, hier privatisiren. Nun stand weiter nichts im Wege, den M. Johann Sutellium nebst seinem ihm zugeordneten Kaplane Oswald (Cramer) in die eigentliche Pfarr-Kirche einzuführen, welches auch sogleich am Feyertag Matthäi geschah. Bey dieser Gelegenheit verfertigte ein fremder Keßlergesell, der hier in Arbeit stand, ein Reformations-Lied, das, wenn es sich auch nicht von der Seite einer guten Dichtung empfiehlt, doch den Einsichtsvollen Layen verräth, und besonders manche sonst unbekannte Unstände enthält. Nichts lag aber auch ietzt dem hiesigen Rathe näher, als die Pfarrherrlichen Einkünfte und Gefälle einzuziehen und den neuen Pastor damit zu besolden: er beorderte demnach einige Rathsfreunde, Notarien und Zeugen, um sie aufzunehmen und zu beschreiben, und nahm dann, ohne daß die geringste Einrede erfolgte, ruhig Besitz davon. Im Ganzen betrugen sie auch eben nicht sehr viel; da sie nur in einigen Anniversarien, Gülten und Zinsen bestanden, und der große Zehend dem Stifte Haug als ein halb erkauftes Eigenthum unbenommen blieb. Aber auch hier handelte der hiesige Rath, um das nachbarliche Vernehmen so viel als möglich zu erhalten, und wahrscheinlich durch eine Beschwerden-Klage des Fürst-Bischofs zu Wirzburg, dem sogleich durch einen eigenen Bothen Nachricht von dem ganzen Vorgange gegeben wurde, hiezu veranlaßt, so weise und so großmüthig, daß er dem hier privatisirenden D: Feigenbaum zur Vergütung der eingezogenen Gefälle ein jährliches Gnadengehalt von 40 Gulden versprach, welches ihm auch laut seiner ausgestellten Bescheinigung mehrere Jahre nach einander richtig abgereichet wurde.

Weniger Schwierigkeit fand die Bestellung der lateinischen und teutschen Schulen, die damahls mit einander vereiniget gewesen seyn mögen; und es scheint, daß bald, nachdem Sutellius sein Amt in der Kirche zu unserer lieben Frauen angetreten hatte, auch die Schulen mit protestantischen Lehrern besetzt worden seyen: wenigstens wurden die katholischen Geistlichen, noch ehe sie die Hauptkirche verließen, nach der ausdrücklichen Angabe unserer Jahrbücher von den evangelischen Lehrern der Schule auf mancherley Weise geneckt. Was aber nach Maaßgabe der Religions-Veränderung für Einrichtungen getroffen wurden, dazu fehlen leider! die Belege gänzlich; bloß Laurentius Hunnicus, ein feiner gelehrter Mann, wird als der erste evangelisch-lutherische Rektor, und als sein College der ehemahlige Carmeliter-Mönch, Johann Neßmann angegeben. Wahrscheinlich ward eben der teutsche Catechismus Luthers und seine übersetzte Bibel eingeführet, und dabey so viel Latein gelehret, als in einer Trivial-Schule der damahligen Zeit erwartet werden konnte. Genug, wenn nur die neue Lehre herrschend in derselben wurde.

Drittes Kapitel

 

Förmliche Anordnung des neuen Gottesdienstes. Sutellius führt mit Genehmigung des Rathes eine neue Kirchen-Ordnung ein. Predigt über die Geschichte vom Lazarus. Lehnt seine Zurückberufung nach Göttingen ab. Erhält einen ordentlichen Bestallungs-Brief. Der hiesige Rath trifft Veranstaltung, protestantische Religions-Lehrer aus seinem Mittel zu erziehen.

Noch war der neue Gottesdienst nicht so förmlich angeordnet; Sutellius hatte es vielmehr, so lange er in der Kirche zu unserer lieben Frauen war, wahrscheinlich nach seinem eigenen Gutdünken gehalten und solche Verfügungen getroffen, wie sie ihm die besten zu seyn schienen. Es mag seyn, daß man ihm dieß von Seiten des Rathes um deßwillen überließ, weil er schon mehrere Jahre evangelischer Lehrer zu Göttingen war; oder man hielt es auch für besser, daa erst unter Obrigkeitlicher Auctorität liturgische Veränderungen vorzunehmen, wenn man zum Besitze der Hauptkirche gelanget seyn würde. Jetzt war das geschehen; und Sutellius mußte nun eine Kirchen-Ordnung entwerfen, die von dem hiesigen Rathe genehmiget und dann öffentlich eingeführet wurde. Sie erschien zu Nürnberg 1543 bey Johann Petreius unter dem Titel: Kirchen-Ordnung Eines Erbarn Raths deß heiligen Reichs Stat Schweinfurt in Francken, Wie man sich beide mit der Lehr und Cermonien halten solle, mit dem Motto: 1 Cor. 14. Laßets alles züchtiglich und ordentlich zugehen. Im Ganzen genommen stimmt diese Agende ziemlich genau mit der Nürnbergischen überein, worauf auch oft verwiesen wird; aber Sutellius nahm doch dabey sorgfältig auf das hiesige Lokale der damahligen Zeit Rücksicht, und behielt manche Ceremonien bey, die vorhin in der katholischen Kirche üblich waren: so läßt er z.B. noch beym Gottesdienste im Chor lateinische Gesänge anstimmen, zuerst aus der lateinischen, und dann aus der teutschen Bibel-Uebersetzung die gewöhnlichen Stücke verlesen, Lichter und Meßgewänder bey dem Abendmahle brauchen, und die Feyertage der Geburt Mariä, der Himmelfahrt Mariä, der Maria Magdalena, des h. Laurentius, aller Heiligen und der h. Elisabeth noch feyerlich begehen. Dieß war freylich nicht nur nöthig, weil der Geist des Katholicismus noch nicht bey allen verwischt und von dem bessern Geiste des Protestantismus verdrängt worden war; sondern auch weislich gehandelt, da durch solch eine unschädliche Herablassung, worüber sich Sutellius sich selbst hie und da näher erkläret, mancher Anstoß vermieden und der Anhänger des alten Glaubens weit eher gewonnen ward. Sutellius hatte hierinn ganz nach den Grundsätzen gehandelt, die Luther vor 11 Jahren, nähmlich 1531 gegen ihn in einem Briefe geäußert hatte, ganz nach seinem damahls gegebenen Rathe: "er sollte es mit Ceremonien, die den Glauben nicht verletzen, nicht genau nehmen; denn er wisse selbst, daß daher das unwissende Volk leicht Veranlassung nehme, das Wort zu verachten; und wenn gleich Ceremonien nicht zur Seligkeit gereichten, so würden doch durch einige derselben gemeinhin Einfältige gerührt; die Ceremonien bey der Messe, z.B. Altäre, Kleider, Lichter und dergleichen Kleinigkeiten könnten also, wie zu Wittenberg, eybehalten, oder, wenn sie schon abgeschafft wären, nach und nach um der Knaben und Einfältigen willen wieder hervor gesuchert werden; denn nach diesen müsse man sich bequemen.

Aber jetzt dachte Luther ganz anders, da sich in seinem Kreise und in den Ländern der protestantischen Stände seit jener Zeit vieles geändert hatte: deßwegen mißbilligte er auch, wenn einer handschriftlichen Nachricht zu trauen ist, die Schweinfurtische Kirchen-Ordnung mit der ganz in seiner Ausdrucksweise von sich gestellten Aeußerung: sie stinke zu sehr nach dem Papstthum; und verfertigte keine Vorrede dazu, wie es Sutellius freundschaftlich von ihm verlanget hatte. Dieß verdroß, wie leicht zu erachten war, den klugen Mann, der sich auch hier, wie ehemahls zu Göttingen der Vorschrift und dem Vorgange Luthers gemäß, nach Zeiten und Umständen bequemte, und schrieb deßwegen mit einer unverkennbaren Anspielung auf die Aeußerung Luthers in der Vorrede zur Schweinfurtischen Kirchen-Agende: "Das an guten Chrsitlichen Ceremonien und Ordenung, nicht mangelen, noch davon etwas abgehen solle, erscheinet und folget ye auß den worten des heiligen Aposteln Pauli, da Christen bezeugen und sagen, das nun mehr, dieser Lehre und vermanung des lieben Apostels zum höchsten von nöten sey, Denn der Teuffel, Schwermer, und Rottengeister, zu dießen letzten ferlichen Zeiten, alle gute Ordnung, und Christliche Ceremonien gerne aufheben, zerstören, und mit süssen tretten wolten, und gleichs die Christen als in einen Seustal jagen, so gar können diese grobe, störrige Leute nichts bleiben lassen, das doch an im selbs nicht böse, noch zuverwerffen ist, viel weniger dem wort Gottes, und Glauben zuwider ist. So ists jn auch ein grewel und eckel (Anmerkung: bedeutet: so ist es ihm auch ein Greuel und Ekel), sich mit anderen Christen in Ordnung und Ceremonien zuuergleichen, und einhellig oberein stimmen, Gerade als were es inen ein große verkleinerung, und abbruch an jrem Namen, und die Leute gleichs wehnen und denken müsten, sie weren allein die Geystreichen großen Held, die alles von jn selber hetten, und von anderen nichts bedürfften etwas zu entlehen oder borgen. Drumb wil es nach der Lere des heiligen Pauli, droben vermelt, einer Christlichen Oberkeit, sampt den Predigern, gepüren und zustehen, ein gut fleißig auffsehens zuhaben, das alles in der Kirchen mit Predigen, Singen, Lesen, und reichung der heiligen hochwirdigen Sacrament, züchtiglich und ordentlich zugehe, Auch etliche alte Ceremonien, so ferne sie dem heiligen Evangelio, Glauben, nicht entgegen, noch die gewissen gefangen nemen, oder verwirren, bleiben lassen, und also möge mancherley ergernus, so aus unnötiger Enderung geschicht, vorkommen und verhütet werden. Was ists, das man nur aus mutwil, oder newerung, auch gleichs die alten guten Ceremonien, so man in Singen und Lesen gebraucher, mit den andern unnötigen vergeblichen Ceremonien, zergehen und fallen lässet? Sol denn kein gute, Christliche Ordnung bleiben?"  

Gewiß richtig geurtheilt! Genug Schweinfurt befand sich bey einer Kirchen-Ordnung, die so ganz nach den damahligen Verhältnissen und Umständen abgemessen war, einige Zeit recht wohl, bis andere Zeiten andere liturgische Einrichtungen nöthig machten. Um derer willen, die etwa wissen möchten, wie es denn damahls mit dem Gottesdienste gehalten wurde, aber die nur einmahl hier befindliche Kirchen-Ordnung nicht selbst nachlesen können, will ich hier das zweyte Kapitel, woraus auch auf die übrigen Theile der Liturgie geschlossen werden kann, eine Stelle finden lassen. Es ist überschrieben: Wie man es auff den Sambstag zur Vesper, auff den Sontag, und durch die ganze wochen in der Kirchen halten solle, und enthält folgende Anordnungen: "Auff den Sambstag sol zu gewönlicher Zeit, wie für alters, die Vesper gehalten werden, das der Capellan anfahen sol, Deus in adiutorium &c. Deßgleichen die Antiphon, drey Lateinisch Psalmen drauff folgen, So soll auch der Hymnus, so ferne er rein ist, nicht nachbleiben, nach dem Hymno sol der knaben einer aus dem alten Testament ein Lection lesen, doch so das Capitel lang ist, mögen etwan zwey oder drey Knaben vom Schulmeister verordnet werden. So fort sie nun die Lateinisch Lection gelesen haben, soll der Capellan dieselbige Lection oder Capitel teusch zum volk lesen, mit der Nürnbergischen Summarien, von Vito Theodoro beschrieben, oder, wo man es nach gelegenheit des Volks für gut ansehe, brauchen und nemen möchten die Annotation ober das alte Testament von Docktor Link außgangen.

Dr. Wenceslaus Linck, Reformator
Dr. Wenceslaus Linck, Reformator

Nach dieser Lection fähet der Schulmeister an das Responsorium, und folgendes das Magnificat, Auff das Magnificat folget die Antiphon (Anmerkung: Musik, bestimmte Art des Chorals), Lateinisch Collecten, und Benedicamus. Sontag zu Morgens, sol abermals zu gewönlicher Zeit, die Metten gehalten werden, das der Capellan anfahe, man mag zuweilen auff die Sontage das Venite singen, doch soll das auff die heilige Feirtage nicht nachbleiben, Folgen die Antiphon, drey Lateinisch Psalmen, zwey Responsoria oder drey, drey Lectiones aus dem Newen Testament, als das Evangelion von der Dominica, die Epistel von der Dominica, und die dritte Lection aus dem Evangelio, oder aus der Epistel, so auff die zeit der Capellan Prediget. Wenn die drey Lectiones von Knaben, oder Burgern gelsen sind, soll der Capellan auffsteigen, und ein frü Predig thun, aus einem Evangelisten, oder aus einer Epistel Pauli, Petri, Johannis, wie es die Ordnung bringt. So denn die Predig aus ist, sol also fort drauff das Te deum laudamus, gesungen werden, zuweilen Lateinisch, auch zuweilen Deutsch, eines umbs ander. Nach dem Te deum soll die Collecten Lateinisch gelesen werden, und das Benedicamus drauff. Zum beschlus und ende soll man mit dem volk Singen ein Teutsch Lied oder Psalmen, Gott der Vater wone uns bey, oder was für Teutsche Gesänge die zeit, oder Fest mitbringet. Die Vesper am Sontag sol gleich gehalten werden, wie droben vom Sambstag gehört ist, mit Antiphon, Psalmen, Lection aus dem Alten Testament, wie es die ordnung und zeit bringt, Nemlich das jmerzu ein Buch nach dem andern mit den Summarien außgelsen sol werden. On das, auf die Feste besondern Lection verzeichnet sollen werden. Auch sol durch die ganze wochen zu Nacht, wie bißher gewonheit gewesen, Vesper gehalten werden, mit zweyen, oder drey Lateinischen Psalmen, deßgleichen sollen die knaben, wie droben angezeigt, das Lateinisch Capitel aus der Biblien lesen, Darnach sol das selbige Capitel zum volck durch den Capellan Teutsch mit den Nürnbergischen Summarien gelesen werden, Darnach folgt das Magnificat, Collecten, Benedicamus. In der wochen sol man des Morgens auch zu gewönlicher zeit alle tage singen, lesen, predigen, und das volck ermanen, Auff den Dienstag und Donnerstag sol der Pfarherr, oder Prediger, einen Sermon thun, und soll vor dieser Predig alweg gesungen werden ein Psalm oder zwey zu Teutsch, Darnach der Glaube, Als denn sol der Prediger auffsteigen. Zu ende des Sermons, sol man singen, Es wölle uns Gott gnedig sein. Oder sonst einen Psalmen, und gesang, so das Fest mitbringet. Doch sol alhier der Schulmeister, oder der Cantor selbs fleiß haben, gute, reine Psalmen, einen umb den andern zu singen nach der Predig. Es sol auch alweg auff dieser tage einem, Nemlich auff den dienstag, oder donerstag, die Litania gesungen werden, ehe der Prediger auffsteiget, das man zuerst singe den Psalmen, Deus venerunt gentes in haereditatem tuam,&c. Darnach, Domine non fecundum peccata nostra facias nobis, &c. Und denn die Litania, drauff, Da pacem &c. Collecten, Predige, Und sol alzeit das volck zu ende der Predig fleissig zum Gebet ermonet werden, Gott ernstlich an zuruffen, das er des Türcken anschleg hindern wölle. Auff den Montag, Mittwochen, Freitag, Sambstag, sol man auch zu gewönlicher zeit, des Morgens in der Kirchen mit den Schüler singen, der Capellan sol anfahen, Deus in adiutorium, &c. Denn sollen drey Psalmen Lateinisch gesungen werden, und drauff die Antiphon, Alsdenn sollen die knaben die Lection aus dem Newen Testament lesen, Als aus einem Evangelisten, oder aus einer Episteln Pauli, Petri, Johannis, Darnach sol der Capellan die selbige Lection zum volck Teutsch lesen, und sein kurtz eine Lere hieraus ziehen, damit das volck auch etwas davon bringe. Nach der Predig, oder vermanung, sol man singen das Benedictus &c. Und nechst drauff die Collecten und Benedicamus. Dis sol aber auch geschehen, das man auff den Freitag, vor oder nach der Predig singe, Tenebrae factae sunt, &c."

Uebrigens suchte Sutellius seines Beruf, das reine Wort Gottes zu lehren, worauf er eigentlich verpflichtet worden war, auch in der Haupt- und Pfarrkirche mit aller Treue und Gewissenhaftigkeit zu vollenden; vorzüglich fing er vom Dienstag vor Michaelis an, die Geschichte vom Lazarus, wie sie Johannes im 11ten Kapitel seines Evangeliums beschreibt, in 12 Homilien auszulegen, , mit Bezug auf die damahlige Ziet, wo eine Pestartige Krankheit viele Einwohner dahin raffte, und seine Gemeinde Trost und Stärkung bedurfte.

Historia von Lazaro - Sutellius
Historia von Lazaro - Sutellius

Sie sind im darauf folgenden Jahre durch die Verwendung Melanchthons zu Wittenberg bey Joseph Klug im Drucke erschienen unter dem Titel: Historia von Lazaro aus dem XI. cap. des Evangelii S. Johannis gezogen, Ißt zur zeit des sterbens zu trost den Kranken und sterbenden Menschen ausgelegt und gepredigt, zu Schweinfurt in Francken, Anno 1542. Durch M. Johannem Sutellium. Ueber die Herausgabe derselben erkläret er sich selbst in der Zueignung dahin: " Denn on das, bisher viel frome Christen, insbesonderheit aber, Er Johann Kaler, itzt Bürgermeister zu Schweinfurt, mein grosgünstiger lieber Herr und Freund, so vleißig angehalten, gebeten, Ja gleich auch dazu genötiget haben, Das ich die Predigt von Lazaro wolte ausgehen lassen, und also auch andern guthertzigenfromen Christen im Franckenlande die noch in den großen schweren Gotteslesterlichen Greweln (Anmerkung: Greueln), Mißbreuchen und Abgöttereien sticken, Doch nu zur zeit jmerdar zu Gott, und (umb) eine Christliche Reformation und besserung der Kirchen mit ernst seuffzen, mitteilen wolle, Auff das sie in hefftigen anliegenden nöten einen gewissen trost ergreiffen mögen, und lernen, wie sie im waren rechtschaffen glauben zu Gott stets sollen gerüstet sein. So kan ich nu selbs schier ermessen und bedencken, , das mir solchs nu hinfort auch von Ampts wegen gebüren wil, damit den Feinden Christi (die bisher so große ungegeschwungen lügen und lesterwort, wider unser Lere und Predigt errichtet, und hin und wider, wie Jr art ist, ausgeschüttet haben, dem heiligen Evangelio und dieser alten löblichen Reichsstad zum abbruch, nachteil und verkleinerung, Gerade als wissen und kennen wir keinen Gott, und nichts, denn vom Teufel, predigen und sagen müsten) das unfletig, verlogen, stinckend maul verstopfft und zugeschlossen werde. Denn wiewol wir in sachen und schmeheworten, so unser Personen belangen, offtmals viel verdulden, und mit großer gedult verschweigen müssen, und das ubel tragen, So können wir doch nicht, da Gottes name, ehre und Wort, so uberaus grausam von Ertzfeinden der warheit geschendet und gelestert wird, mit gutem Gewissen stilschweigen, Sondern wil von nöten sein, das wir uns sehen und hören lassen, was wir gleuben und leeren, Ja es wil von nöten sein, das wir die gifftigen bösen Lestermeuler eintreiben."   

So bescheiden daneben Sutellius von seinen Homilien urtheilt: "Ich wolt wündschen, das ich die zeit gehabt hette, dis Büchlein zum andern mal zu ubersehen, und gar auffs new zu zurichten, Vileicht würde es ein ander ansehen, und besser Ordnung gehabt haben. Nu aber mus ich diesen Lazarum in eile hinstreichen lassen, wie schlecht, gering und einfeltig er immer ist;" so gut ist doch in Hinsicht der damahligen Zeit der innere Gehalt. Ueberall dringt er in den Geist der Geschichte ein, thut richtige Blicke in das Herz Jesus, der Maria, der Martha und aller handelnden Personen, macht immer richtige Anwendungen auf seine Zuhörer und ihre individuelle Lage, sucht sie bey jeder Gelegenheit, immer mit Rücksicht auf ihre eigenen Umstände und Verhältnisse, zu belehren, zu stärken und zu trösten, und empfiehlt durchaus Christum und sein Evangelium, so daß selten die Spitzfindigkeiten der Schule eine Stelle finden. Wie vortrefflich urtheilte Melanchthon darüber! "Er habe, schreibt er ihm, seine Predigten größten Theils gelesen und billige sie sehr, glaube auch, daß sie hieraus gegeben werden dürften.Ihm gefalle ihr einfacher und so gar nicht gezierter Vortrag. Auch die Sachen wären vollwichtig und nützlich." Wer sollte nicht das Urtheil eines Mannes unterschreiben, der so richtig sah und alles so genau abwog! Aber einige Auszüge, die hoffentlich hier nicht für zweckwidrig werden angesehen werden, mögen das in das helleste Licht setzen. Aus der ersten Predigt über V.1: "So las es nu also sein, Das Maria, Martha und Lazarus, seer geringe Leute sind, wie sie auch in der Welt, und bey den Jüden gewesen und gehalten, Aber für Gott sind sie gar anders gehalten. Zu Jerusalem wonen wol Annas, Caiphas, sampt andern Priestern, Phariseern und Schrifftgelerten. Diese haben alle den namen, titel, ampt, und heißen der ausbund, und auserlesen kern unter allem Jüdischen volck. So wissen und meinen sie auch selbs nicht anders, denn das sie die frömesten, heiligsten, und besten seien. Noch sind sie die aller verzweivelsten, ertzbösewichte, und grawsame, blutgirige Hunde gewesen. Dagegen sitzen zu Bethania, Maria, Martha, Lazarus, ein geringes heufflin, Wer sihet auff diese arme geringe Leute? Wer glaubt, das sie rechte Abrahams kinder, und guthertzige, frome, gleubige Christen seien? Da ist kein sonderlicher name, titel, oder ampt, So werden sie gar nicht für der Welt gros angesehen. Dennoch sind sie solche Leute, das sie auch Christus uberaus seer geliebet hat, und zwar nicht unbillich."

"Ists denn nicht eine sonderliche gabe des herrn, das Maria, Martha, und Lazaraus, sich nicht schewen (Anmerkung: scheuen) für den Obersten zu Jerusalem? Ja nicht fürchten, das sie umb ehre gut, leib und leben komen? Sihe das sind die guten, feinen, fromen Christen." - "Es solte der gute Lazarus auch wol solche gedancken in seiner krankheit gehabt haben: Wie? sol mich also hefftig Gott angreifen? Ich und meine Schwestern haben ja gerne das Evangelium, gehöret, So glauben wir auch an Christum. Aber das, haben wir jn (Anmerkung: ihn), sampt seinen Jüngern nu etliche mal beherberget, und allen unser müglichen Dienst erzeigt. Was thun aber die andern verstockten bösen Jüden? Diese lestern Christum und sein liebes Evangelium leben zu dem dahin in allen freuden und wollust, ich aber muß itzt her halten. Wie sol ichs doch verstehen? Bin ich verfürt? Bin ich nicht im rechten Glauben? Ist dieser Jhesus noch nicht der rechte Christus? Wer weis? Gott solt mich wohl auch heimsuchen und straffen umb der newen Lere willen des Evangelii." - Ueber V. 3: "Sie sagen, Den du lieb hast, wie fein kurtz ist doch das gered, Den du lieb hast. O wie ein tröstlich Ding ist das, Das man in der aller größten, eussersten not gleubt und bekennet, Das uns Gott nicht verstoßen, noch verwerffen, sondern lieb habe, und bey uns in leiden, elend und schwachheit sey." - Aus der fünften Predigt über V. 11: "Ach nu sind wir doch arme, elende Menschen, das wir unsere gedanken und meinung allweg für das beste ansehen, und rechnen, das oder jenes were fein und gut, so es wol offt, wenn es also geschehen solte, unser verterblicher ewige schade sein müßte. Man solte ja billich Gott dem Herrn die sache gentzlich befelhen, denn er verstehet und weis am besten, was uns schadet oder fromet." - "Denn sollen wir es gewis dafür achten, Das wir nicht flugs in einem tage, wochen, oder iar, solche bestendige, unverzagte, rechte Christen werden können, wie wirs vieleicht trewmen (Anm.: träumen) und gedencken, Es wird wol also mit uns bleiben, das wir itzt starck, und widerumb bald schwach im glauben sein werden." - 

Aus der sechsten Predigt über V. 28: Martha spricht fein heimlich zu Maria, Der Meister ist da. Alhie gedencke nu jederman, der in nöten etwa gewest, was das für wort sind, Der Meister ist da. O wie wird der guten Maria hertz mit großer freud uberschüt, und viel jamers erledigt. Wenn ein Mensch mit kranckheit hefftig beladen ist, und hat nach einem trefflichen erfarnen Artzt ausgeschickt, so sind allein seine gedancken und frage, ob der Artzt bald komen werde, Und so er da ist, richtet sich der Krancke nicht anders auff, als sey er halb genesen, Oder wo er das zuthun nicht vermag, hat er doch zuversicht, hoffnung und trost, es solle nu besser werden, Und fellen jm seine gedanken zuweilen nicht." - Ueber V.29.30: "Was thun itzt die fürnemesten in der Welt? So offt man handeln sol in Göttlichen sachen, so unser Christliche Religion, glauben, Gottes wort belangen, und was darin streitig ist, entscheiden, oder die misbreuche abschaffen, So wollen sie nicht Gott die ehre geben, auch nicht richtig und stracks auff sein heiliges Wort sehen und diesem folgen. Sondern da ratfragt man mit den Jüden, mit unser vernunfft, blut und fleisch. Da sihet man zufodderst, Ob es auch gefalle den mechtigen großen Herren und Potentaten. Jtem, was der Bapst und Bischove dazu sagen wollen, Da bringt einer dis, der andere das. Diesem sol man die Christliche Kirchen (sie meinen den Babst) hören. Ein ander schreiet, Man solle alte gewonheit bleiben lassen. So wollen auch etliche, das menschliche Ordnung und Satzunge mehr binden, denn Gottes wort, und man sey bey verlust der seele schuldig, die selbigen zu halten, und nichts hierin, Gott gebe es sey gleich dem glauben und Gottes wort entgegen, verenderen. Sihe, mein lieber Christ, solchs geplers und geschreis were gar nicht von nöten, wenn wir so eilend mit Maria auffstünden, und giengen zum Herrn Christo." - Ueber V. 31: " Auch wird uns diese Geschichte fürgeschrieben, das wir nicht balde verzagen, auch an den hallstarrigen groben Leuten. Wer weis, was Gott zuletzt an ihnen thun wird? Ists nicht also, wie der heilige Paulus I. Corinth. 13 spricht, Die Liebe vertregt alles, sie gleubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles?" - Aus der siebenten Predigt über V. 33-35: "Es sihet mich diese Historien also an, als ob der Herr mit seiner natur drüber kempfen wolle, damit er sich hart halte, und sey jm doch zuletzt wie dem heiligen Patriarchen Joseph gangen, der mit worten und geberden sich fast hart und unfreundlich stellet gegen seine Brüder, und vermocht dennoch zuletzt des weinens sich nicht enthalten. Denn gleube frey, das es nicht müglich ist zu sagen oder aus zu rechnen, das alhie Christo seine augen ubergangen sind." - Ueber V. 36.37: "Aber das ist aus diesen spöttischen worten der Jüden auch wol abzunemen, das sie heimlich Mariam und Martham gestochen haben. Als wolten sie sagen, Was hats euch geholffen, das jr bisher so feste uber diesem Christo gehalten habt? Gehet jr noch zur Evangelischen predigt? O wie fein habt jrs ausgericht, das jr von unsern Hohenpriestern, Schriftgelerten und Phariseern seid abgefallen? Was seid jrs nu gebessert? Wie fein hilfft euch das Evangelium? das wolt wir euch wol zuvor gesagt haben, Nu sehet und mercket jrs selbs, das dieser Jhesus nicht Gottes Sin ist, nach Messias, des wir warten, sonst würde er künde verschafft haben, das ewer Bruder nicht gestorben were? So thun heutes tages die Gottslesterer und Feinde des Evangelii auch, wenn es ubel umb uns stehet, spotten sie unser mit unserm lieben Christo, und sagen, Gehet jr noch zur predigt? Ey wie fein hilfft euch ewer Christus? Wolan lasse sie jmer hin spotten, es wird sich mit der zeit wol finden, welcher des andern gespottet habe, Unser lieber Gott verleihe uns nut gedult, das wir umb solcher Spötter und Gottslesterer willen, nicht von Christo und seinem tröstlichen heilsamen Evangelio abfallen, sondern feste bis an das ende stehen, und das nur frisch ein jeder Christ seines Ampts und Beruffs im glauben warte, wie auch Christus unser lieber Herr selbs gethan hat." -

Ueber V. 38: "Ich wils nicht widerfechten, das etliche wollen, der Evangelist hab darumb so vleißig von des Grabes feste und bewarung geschrieben, das man deste größer das Mirakel ansehe, und nicht sagen künde, das mittler zeit etwa ein anderer, der noch lebendig, für den todten Lazarum dahinsey gelegt. Aber gleichwol hab ich an dieser auslegung kein gnüge. Was ists gesagt, das man vieleicht einen andern für Lazaro dahin solt gelgt haben? Gerade, als solte man Lazarum nicht können erkennen? so er doch kein hundert jar, sondern nur vier tage im Grabe gelegen ist?" - Aus der zehenten Predigt über V. 47.48: "Was thun wir, sprechen sie? Als solten sie sagen, Es reißt die sach zu gewaltig ein, wir müssen in der zeit dazu thun, und ratschlahen, wie wir seiner können los werden, und ie ehe das geschehe, ie besser es were, Er vergifftet alle Stedte und Flecken. Aber das bewegt uber aus viel Leute, das, so offt die Gottlosen ratschlahen wider Christum und sein Wort, So schmücken sie jre sache auffs aller beste, und geben für, Sie müssen die Religion oder Christliche Kirche beschirmen, Dazu den gemeinen nutz, das ist, erhaltung der Policey, und wolfart des gantzen Landes, und jrer Bürger unterthanen suchen und bedencken. Das habt jr ia in dieser Historien und handlung der Phariseer und Hohenpriester, Sie sagen frey rund heraus, Lassen wir jn also, so werden sie alle gleuben an ihn. Da wollen sie gesehen sein, als die da eivern umb den Gottesdienst, ia als diese feste müssen uber Mose und dem Gesetze halten, Darumb meinen sie, wo nicht etwas statlicher weise zur sache gethan werde, so sey es schon mit jrer Religion aus. Und mercket, das sie sagen, So werden sie alle gleuben an jn. Das ist, wenn nu das Volck jm gar anhanget, und gleubet seiner Lere. Wo bleibt denn Mose, Gesetz, Tempel, Priesterthum, Opffer, unser alter Gottessdienst? Ja wes wollen wir leben? Ja da lag gewis der Hase, Gottes Name, und die Religion, oder die alte Christliche Kirche hat jmerzu den Namen. Aber wenn man das spiel genaw wil ansehen, so ist nichts anders allhie unter verborgen, denn der leidige schendliche Mammon und Geitz, der bringt das, das man auch itzt Christum und sein heiliges Evangelium nirgent kann leiden."  

Diese öffentlichen Belehrungen setzte Sutellius unermüdet fort, ohnerachtet er in seinem Amte (wie dieß bey einer solchen Religions-Gährung und nach den Umständen, unter welchen sie erfolgt war, nicht anders seyn konnte) vieles dulten mußte: aber die tröstenden Vorstellungen seiner Freunde, eines Melanchthon und Lenyngus flößten ihm Muth und Standhaftigkeit ein, und die Ueberzeugung, schon so manches Gute in seinem Kreise gewirkt zu haben und noch wirken zu können, entflammte je mehr und mehr seinen Eifer. Uebrigens hatte er die Achtung und Liebe seiner Gemeinde, wovon er nicht nur schriftliche Versicherungen von seinen auswärtigen Freunden, sondern auch eigene thätige Proben erhielt. Selbst in der Nachbarschaft ward er geschätzt, wie er es verdiente, wozu der Brief des damahligen Amtmanns zu Maynberg, Andreas von der Kehre, ein vorzüglicher Beleg ist. Er war um deßwillen ungemein gerne zu Schweinfurt und blieb länger als er versprochen hatte. Von den zwey Jahren , die gleich Anfangs bedungen worden waren, hatte das erste sein Ende noch nicht erreicht, als ihn die Göttinger schon wieder zurück forderten; zweymahl ordneten sie ihren Rittmeister, Matthias Knipping an ihn ab, der alles anwenden mußte, um ihn zu vermögen, daß er wieder ihr Prediger werden möchte; versprachen ihm in Briefen unter den heiligsten Versicherungen die beste Aufnahme und Versorgung; wandten sich einige Mahle an den Landgrafen Philipp zu Hessen, und empfahlen ihre Bitte seinen Räthen und Consistoralen, besonders dem Hofprediger Lenyngusund dem Dionysius Melander:

Dionysius Melander
Dionysius Melander

aber Sutellius bath seinen Landsherrn dringend, daß er die Göttinger abweisen und ihm erlauben möchte, noch länger in Schweinfurt zu bleiben. Freylich mochte die unbillige Behandlung , die er ehemals in Göttingen erfahren hatte, manches zu diesem Entschlusse beytragen, ohnerachtet er feyerlich versicherte, daß aller Groll und Haß weit von ihm entfernt sey; aber seine Liebe zu Schweinfurt that doch gewiß das Meiste dabey: wie herzlich schreibt er seinem Landesherrn: "E.F.G. wollen meiner hierinn gnediglich undt meinen günstigen Herren einem erbaren Rath zu Schweinfurt mit meiner Persohn wil zu thun oder gelegen sein, bin ich sambt Göttlicher Gnad undt Hülffe alß ein armer gehorsamer diener willig undt gedencke noch ein zeitlang an disem ortte, do ich itzt bin zu beharren. E.F.G. wollen mein und meines Weibes undt armer Kinder gnediger Herr sein undt mich nicht lassen." Dieß und die Verwendung des Hofpredigers Lenyngus, der mit den Schweinfurtischen Gesandten selbst nach Cassel resite, um ihre Bitte kräftigst zu unterstützen, wofür ihm aber auch ein Fäßchen Frankenwein versprochen ward, wirkte so viel, daß endlich der Landgraf das Begehren der Göttinger in einem eigenen Briefe ablehnte, und Sutellius bey seiner Gemeinde zu Schweinfurt bleiben durfte. Weil er nun je mehr und mehr sich hier fixierte, und seine bisherige Besoldung nur geringe war: so errichtete der hiesige Rath 1545 am 4ten nach Trinitatis Anmerkung: erster Sonntag nach Pfingsten) eine ordentliche Pfarrbestallung mit ihm. Laut derselben erhielt er jährlich 200 Gulden an Geld, 18 Eymer Wein, 10 Malter Korn, seine eigene Wohnung, und Holz, so viel er nöthig hatte. Auch für seine Gattin war auf den Fall, wenn sie Witwe werden sollte, sehr gut gesorgt: sie sollte eine freye Behausung auf Zeitlebens, jährlich 10 Gulden an Geld, 6 Malter Korn, 4 Fuder Brennholz und, falls sie von hier abziehen würde, ein für allemahl 50 Gulden erhalten. das war gewiß eine stattliche Besoldung für die damahlige Zeit, wo es den meisten Predigern des Evangeliums, besonders denen in Sachsen, so schlecht ging, daß sie nicht einmahl die nothwendigen Bedürfnisse des Lebens hatten. Noch merkwürdiger ist der Umstand, daß Sutellius in diesem Bestallungs-Briefe gar nicht verpflichtet wird, nach der Augspurgischen Confession zu lehren; man verlangte nur stillschweigend, daß er ein Verkünder des heiligen göttlichen Wortes seyn sollte, wie er es bisher war. 

Ueberhaupt ward erst gegen die 60er Jahre hin die Verpflichtung auf die Augspurgische Confession für nothwendig erachtet; und der Superintendent M. Conrad Glincker war der Erste, der in seinem 1563 ausgestellten Revers sich dahin erklären mußte: "Demnach man jetzdt ann vielen Orten, in Erklerung des heiligen Worts auch der heiligen Sacramenten Gottes, fast strittigk, Soll ich mich hierinn der Augspurgischen Confession, so nach anweißung des rechten, warenn, Catholischen Verstants der Prophetischen Apostolischen schrifften verfasset, dero auch ir Ersame Wolweisheiten subseribirt, nicht aber, wie dießelbigen Etlich nach irem gutbedüncken, jre Irthumb damit zue beschönen, felschlich ziehen undt deuten, sonder wie sie von frommen, hochgelehrten Leuten begrieffen, undt dem dewren gottesmann Martino Luthero seligster gedechtnis ubergeben, und adprobirt worden, gemes halten."

Noch ehe aber Sutellius seinen Bestallungs-Brief erhalten hatte und man nicht zuverläßig wußte, ob er auch mehrere Jahre hier bleiben würde, trug der Rath schon Sorge dafür, protestantische Lehrer aus seinem eigenen Mittel zu erziehen. Nicht nur Hieronymus Rauscher, der 1546 Diakonus hier ward, mußte in dieser Absicht zu Wittenberg studieren; sondern auch der bisherige Rektor der Schule, Laurentius Hunnicus, oder Heunisch, ward 1544 dahin beordert, um auf Kosten des Raths das theologische Studium ein Jahr lang daselbst zu betreiben und nach Verlauf desselben als öffentlicher Religions-Lehrer hier angestellt zu werden. Dieß geschah noch 1544 gegen das Ende des Jahrs, wo er, nachdem ihn Philipp Melanchthon, Georgius Major, Sebastianus Kosthelius und Lukas Hezerus zu Wittenberg geprüfet und zum Predigtamte eingeweihet hatten, das Diakonat an der Pfarrkirche erhielt.

Viertes Kapitel

 

Die Anhänger der alten Lehre verlieren sich nach und nach. Die Mönche des Carmeliter-Klosters. Schenk in der Kilians-Kirche. D. Feigenbaum. Nur einige wenige Altgläubige blieben noch.

Bey dem allen gab es hier, wie denn dieß damahls beynahe durchgehends der Fall war, immer noch einige, die der alten Partey zugethan waren; aber die vordersten derselben verloren sich nach und nach. Die ersten, welche sich verabschiedeten, waren die Carmeliter. Von den Einkünften ihres durch gutherzige Bürger gestifteten Klosters, die nur in einigen wenigen Zinsen und Gefällen von bürgerlichen Häusern, Aeckern, Wiesen und Weinbergen bestanden, konnten sie sich seit jener Zeit, wo der bekannte Fürsten-Tag zu Schweinfurt andere Grundsätze verbreitet hatte, und die milden Gaben der hiesigen Einwohner aufhörten, nicht mehr unterhalten; ohnerachtet von jeher nur 3 bis 4 Conventualen waren: schon in den 30er Jahren zog also einer nach dem andern ab, bald darauf starb auch der Prior Apffelbach, un der letzte, Johann Neßmann, der allein bis 1542 zurück geblieben war und die geringen Einkünfte gezogen hatte, legte um selbige Zeit seinen Ordens-Habit ab, trat zur protestantischen Religion über, heirathete, ward Anfangs Lehrer in der Schule neben Laurentius Hunnicus und, nachdem er sich einem weitern Unterrichte in der evangelisch-lutherischen Religion unterworfen hatte, der erste Pfarrer zu Zell und Weipoltshausen, zweyen zu Schweinfurt gehörigen Dörfern. Durch seine unwidersprechlichen Hoheits-Rechte unterstützt, zog der hiesige Rath das ganz verlassene Kloster nebst den Zinsen und Gefällen desselben ein und bestimmte den Garten, der zunächst daran lag, zu einem Begräbnis-Orte für die hiesigen Bürger und Einwohner, wohin auch schon vor dem Markgräflich-Albrechtischen Kriege einige begraben wurden. In diesem Kriege selbst aber, nähmlich 1554, ward das Kloster theils durch den Markgrafen Albrecht, der eine Batterie gegen die Bundesständischen Völker darauf errichtete, theils durch feindliche Einfälle gänzlich zerstöret. Die Steine wurden dann zur Wiederaufrichtung bürgerlicher Gebäude gebraucht, und die verstorbenen Einwohner von nun an in dem Klostergarten, als dem gemeinschaftlichen Begräbnis-Orte beerdiget.

Gleich mit dem Anfang der Reformation entwich auch der Engelmesser, Martin Aub, der von gebürtig war, und wandte sich nach Wirzburg. Etwas länger trieb ein gewisser Schenk sein Spiel mit der Wohlthätigkeit hiesiger Einwohner, so sehr es ihm auch am Verstande gefehlt haben soll. In dem Dienste des letzten katholischen Kirchners, dem er seine kirchlichen Geschäffte besorgen helfen mußte, hatte er durch lange Uebung (denn lesen und schreiben konnte er nicht) die lateinischen Gesänge und alles, was zur Messe gehört, erlernet und begriffen; er zog sich demnach, um den alten Gottesdienst aufrecht zu erhalten, und weil er einen andern Beruf, als Protestant zu werden, in sich fühlen mochte, in die außerhalb der Stadt gelegene Kilians-Kirche und hielt daselbst zu gewöhnlicher Zeit Metten und Vespern. Was leicht zu vermuthen war, das erfolgte; alte Weiber und Leute, denen der alte Glaube noch heilig war, wallfahrteten zu ihm und unterstützten ihn mit Geld, um Chorröcke, Kerzen, Fahnen, Altar-Tücher u.d.g. anzuschaffen: aber die Wallfahrt dauerte nicht lange; schon im September des Jahres 1543 gerieth die Kirche Nachts durch eingelegtes Feuer in Flammen und ward , ehe die Thore geöffnet und Lösch-Anstalten getroffen werden konnten, ein Raub derselben mit allen daselbst befindlichen Monumenten und Grabschriften. Die Ruinen des Gemäuers wurden hierauf gar nieder gerissen, die Steine zum Besten gemeiner Stadt und deren Gebäude verwendet und an dem öden Platze, der dem Hospital-Keller eingeräumet wurde, Weinberge angepflanzet.

Auch der alte Paster D. Feigenbaum nahm endlich Abschied entweder von dieser Welt, oder von Schweinfurt. Zwar hatte ihm der hiesige Rath, weil er ein ärgerliches Leben führte und sonst allerley Unannehmlichkeiten verursachte, schon den 12ten Jun. 1543 durch den hiesigen Amtmann des Landgrafen Philipps von Hessen, Lorenz von Romerodt und durch Abgeordnete aus seinem Mittel, nähmlich durch Sebastian Salmuth (Anmerkung: Bürgermeister v. Schweinfurt, der 1554 starb), Johann Kahler, Nikol. Sprenger und Joh. Gehring die Weisung zugehen lassen: er möchte sein außereheliches und gar nicht züchtiges Leben in ein eheliches verwandeln und zur protestantischen Religion übergehen; sonst könnte er wegen seines anstößigen, auch im letzten Reichsabschiede verbothenen Wandels nicht länger hier geduldet werden: auch schien der Rath, ohnerachtet Feigenbaum bey dem Fürt-Bischof Beschwerde darüber erhob, und dieser in einem eigenen Briefe bath: man möchte ihn nicht verdrängen, sondern nach dem ihm gegebenen Abschiede bleiben lassen, ernstlich auf seine Entfernung zu dringen und suchte sie selbst durch den Landgrafen Philipp bey dem Fürst-Bischof zu betreiben; aber er ward (auf welchem Wege, darüber schweigt die Geschichte, vielleicht durch das gemäßigte Benehmen Conrads IV. von Bibra, welches bey dieser Gelegenheit sichtbar hervor leuchtete) endlich besänftiget; und D. Feigenbaum lebte noch ruhig hier bis 1549, wo er entweder starb, oder wegging, wie aus dem Memoriale des Einnehmer-Amtes von diesem Jahre gefolgert werden kann.

So wenig sich indessen Religions-Ceremonien, die durch das Alterthum geheiliget sind, auf einmahl ganz verlieren und Grundsätze bey Menschen, bey welchen sie lange einheimisch waren, durch einen Stoß umgeändert werden können: so wenig konnten auch hier alle und jede Einwohner sogleich den alten Glauben ganz verläugnen; einige hingen ihm noch im Stillen, oder in einzelnen Punkten an: und nur durch die Zeit, durch fortgesetzte Belehrungen und durch die nachsprossende besser unterrichtete Jugend konnte mehr aufgeräumet werden. 

Fünftes Kapitel

 

Der Protestantismus wird herrschend, aber unter mancherley Unruhen. Was von Seiten Wirzburgs dagegen geschah. Bedenkliche Aussichten durch die Vorschritte Kaiser Karls V. Collatur-Ansprüche des Stiftes Haug auf die Hauptkirche. Streitigkeiten mit dem Carmeliter-Orden. Fürsorge des hiesigen Raths zur Behauptung und Erhaltung der neuen Lehre. Oeffentliche Anerkennung der Stadt als einer Augspurgischen Confessions-Verwandtinn. Innerliche Religions-Zwistigkeiten zwischen den Lehrern an der Hauptkirche. Annahme der Concordien-Formel.

So weit war es indessen gekommen, daß die neue Lehre hier die Oberhand behauptete und die herrschende zu werden anfing. Nur mußte noch mancher Kampf bestanden werden, ehe das Bekenntniß derselben zu einer friedlichen Ruhe gelangte; von verschiedenen Seiten gingen erst der Reichsstadt Schweinfurt mancherley Bedrängnisse zu, die bald eingreifend genug, bald auch von geringerer Bedeutung waren. Zu der letztern Gattung gehören unstreitig diejenigen, die Fürt-Bischof von Wirzburg veranlaßte; denn ohne absichtlich den Schweinfurtischen Bürgern und Einwohnern Noth zu machen, wozu vielleicht auch das Ansehen eines mächtigen Schutzherrn sehr wirksam seyn mochte, benutzte er bloß die Gelegenheiten, die sich ungesucht darbothen, sein Mißfallen über die Religions-Veränderung der hiesigen Reichsstadt zu äußern. Dieß geschah hauptsächlich im Jahr 1543, wo die Schweinfurtische Pfarrey zu Groningen nebst der damit verbundenen Frühmesse zu Kützberg dadurch, daß der bisherige Pfarrer, Wilhelm Osterberger aufkündigte und nach Wülfershausen zog, erlediget und nun von Schweinfurt aus mit einem protestantischen Pfarrer besetzt wurde; denn die Wirzburgischen Beamten zu Ebenhausen und Werneck leisteten dem neuen Ketzer allen nur möglichen Widerstand und suchten ihn durchaus von seinem Posten zu verdrängen. Es scheint freylich, als ob die der Fürst-Bischof nicht genehmiget und seinen Beamten keinen Befehl dazu gegeben habe; wenigsten erklärte er sich: daß er nicht gewillet wäre, der Stadt in Absicht auf ihre hergebrachten Rechte Eintrag zu thun; aber daß dieß nur Hofbescheid war, legt sich dadurch hinlänglich zu Tage, daß Laurentius Hunnicus, der nun nach Groningen gesetzt werden sollte, bey seiner Vorstellung zu Wirzburg durch den hiesigen Stadtschreiber, Erasmus Haug, bloß um deßwillen zurück gewiesen wurde; weil man in der gewöhnlichen Prüfung gefunden hatte, daß der Mann der Augspurgischen Confession zugethan sey. Schweinfurt sah sich also, da kein weiterer Ausweg offen stand, oder in jener ohnehin sehr unruhigen Zeit eingeschlagen werden mochte, in die gewisser Maßen traurige Nothwendigkeit versetzt, Groningen durch seinen Pfarrer in Euerbach versehen zu lassen. 

Eben so verhielt es sich mit dem Engelhardtischen Legate, welches, wie ich schon oben erinnerte, aus 60 Gulden bestand, und womit ein besonders anzustellender Prediger besoldet werden sollte. Der Rath hatte kaum die 60 Gulden eingezogen, um sie zur Besoldung seiner Kirchen- und Schuldiener zu verwenden, als der Schultheiß und das Gericht zu Geltersheim ihre Ansprüche darauf geltend zu machen suchten und eine Beschwerden-Klage bey der Behörde führten. Der Fürst-Bischof drang nun nicht nur sogleich auf die Auszahlung dieser Legaten-Gelder, die nach dem letzten Willen des Stifters in das Hospital zu Geltersheim zurück fallen sollte; sondern verklagte auch die  Stadt bey der ersten Weigerung am Kaiserlichen Cammergerichte, und erwirkte daselbst zwey Vorladungen, eine im Jahre 1543, un die andere im Jahr 1544. Beyde wurden aber durch gegenseitige Vorstellungen wieder abgelehnet; und Schweinfurt blieb im Besitze des ihm gemachten Legates bis auf die Zeiten des Bischofs Julius unter dessen Regierung überhaupt manches hervorgesucht und berichtiget werden mußte. Das waren indessen nur vorübergehende Auftritte; weit bedenklicher wurden mit dem Jahre 1546 die Aussichten für die evangelische Reichsstadt dadurch, daß der Kaiser ihrem Schutzherrn, dem Landgrafen Philipp und seinem Bundsgenossen, dem Churfürsten Johann Friedrich den Krieg erklärte, so wie diese es schon zuvor gethan hatten. Man fürchtete, daß diese Ungnade des Kaisers von dem Schutzherrn auch auf die seinem Schutze übergebene Stadt fallen möchte; und man fürchtete nicht vergeblich. Nicht nur der Churfürst von Sachsen und der Landgraf von Hessen wurden als Aufrührer in die Acht erkläret, sondern auch alle ihre Anhänger und Helfer ebenfalls damit bedrohet. Besonders war in dem ausgegangenen Achtbriefe den Ständen des Reichs bey schwerer Strafe und Ungnade, bey Verlust Leibes und Gutes ernstlich entbothen worden, sich der Geächteten nicht anzunehmen und ihnen auf keine Weise, auch nicht Proviant, Vorschub zu thun. Und doch hatte Schweinfurt (freylich etwas unvorsichtig, wenn ihm auch diese erst kurz vorher ergangene Achts-Erklärung noch nicht bekannt geworden war) noch so viele Anhänglichkeit an den Landgrafen Philipp, daß es sein Kriegsheer beym Durchmarsche sehr gut aufnahm und im Lager außerhalb der Stadt mit Proviant versah.

Das reitzte den Unwillen des Kaisers im höchsten Grade. Die demüthigsten Vorstellungen und Bitten gelangten an Kaiserliche Majestät, selbst ein anderer Schutzherr wurde gewählt; aber die traurige Folge war denn doch diese: daß Schweinfurt dem Kaiser 6 Wägen mit Proviant schicken und 5000 Gulden bezahlen mußte; daß noch dazu 200 Spanier zur Strafe in die hiesige Stadt geleget wurden, die, nachdem sie einen eigenen katholischen Gottesdienst in der St. Wolfgangs-Kapelle zum Trotze des Rathes und der Stadt für sich angerichtet, und zugleich tausendfache Ungezogenheiten in der Hauptkirche, in Schenken und auf öffentlichen Plätzen getrieben hatten, erst 1550 am grünen Donnerstage wieder abzogen. Ob die Nichtannahme des bekannten Jeterims, welches doch die Stadt gar füglich durch die Vorstellung umgehen konnte, daß noch manche vorhin übliche Ceremonien beym Gottesdienste laut ihrer Kirchen-Ordnung beybehalten worden seyen, die Sache noch mehr verschlimmerte, das läßt sich zwar aus Mangel an Nachrichten nicht gewiß entscheiden, aber doch leicht vermuthen.

Das mittelalterliche Stift Haug
Das mittelalterliche Stift Haug

Auch das Stift Haug blieb unter so günstigen Zeitumständen nicht müßig und unthätig, sondern suchte seine Collatur-Ansprüche auf die hiesige Hauptkirche wieder geltend zu machen. Es war freylich nicht entschieden, ob diese Ansprüche so ganz gegründet waren; wenigstens hatte der hiesige Rath von jeher die Rechte der Landes-Hoheit über die Stadt Schweinfurt nach ihrer gegenwärtigen Lage, und über alles das, was dazu gehörte; da ihm schon im Jahre 1282 durch einen Vergleich Kaisers Rudolph I. Grund Grund und Boden frey und eigenthümlich übergeben und eingeräumet wurde; und wenn ihm auch die Hauptkirche ihr Daseyn nicht zu verdanken haben sollte, welches doch daher sehr viele Wahrscheinlichkeit erhält, daß er alle öffentlichen Stadt-gebäude erbauen ließ: so hatte doch die Stadt Schweinfurt als ein unmittelbarer freyer Reichsstand schon von dem vierzehnten Jahrhunderte laut der wiederhohlten Kaiserlichen Begnadigungen nicht nur alle politischen Freyheiten, Rechte und Gerechtsame, sondern auch auf ihren andern Herrschaften zugehörigen Dörfern die Pfarr-Bestallung (ius conferendi). Vielmehr scheinen die Rechte des Stiftes Haug daher ihren Ursprung genommen zu haben, daß es um der zehendbaren Güter willen, die es im gebiethe der Stadt theils durch Kauf von Henneberg, theils durch Schenkungen an sich gebracht hatte, die Last über sich nehmen mußte, die Hauptkirche versehen zu lassen. Genug es suchte seine vermeintlichen oder wirklichen Rechte wieder zu behaupten. Kaum war der letzte katholische Pfarrer, D. Feigenbaum 1549 gestorben oder entwichen, so erklärte es die Pfarrstelle an der Hauptkirche für erlediget, besetzte sie mit einem gewissen Rimpar, und schon sollte die Vorstellung desselben vorgenommen werden; allein der hiesige Rath erklärte sich noch zeitig genug in einer schriftlichen Protestation dagegen, un die Sache unterblieb.

Günstiger schien das Jahr 1554 zu seyn. Durch den Markgräflich-Albrechtischen Krieg ward ein großer Theil der Stadt Schweinfurt zerstöret; eine Pestartige Krankheit hatte zugleich über die Hälfte der Einwohner hinweg gerafft; und da man dieß noch oben darein von der Nachbarschaft her für ein Strafgericht Gottes wegen des Uebergangs zur neuen Sekte erklärte: so war es zu vermuthen, daß man sich in Schweinfurt nun etwas mehr gefallen lassen, vielleicht auch in seinem bisherigen Eifer für die Lehre Luthers einiger Maßen zurück gekommen seyn würde. Selbst der Pfarrer, M. Lindemann, war gestorben, und bald darauf starb auch sein Kaplan M. Kellermann. Die Pfarrstelle war also offen, und blieb glücklicher Weise längere Zeit offen; weil dem hieher berufenen Laurentius Hunnicus zu Münnerstadt wegen seines Abzuges von den Hennebergischen und Wirzburgischen Beamten Schwierigkeiten gemacht wurden. Das Stift Haug benutzte so schickliche Zeitumstände und Ereignisse und wagte einen neuen Vorschritt. Förmlich wurde zwar der von ihm neu erwählte Pfarrer Johann G0ßmann (Cosmann) nicht präsentirt und investirt, wie dieß in den weitern darüber verhandelten Streitigkeiten vorgegeben werden wollte; denn sonst müßte nothwendig damahls, als die Einführung geschehen seyn soll, der Orts-Obrigkeit die Anzeige davon gemacht und die ganze Bürgerschaft zusammen berufen worden seyn; oder die Investitur-Handlung würde auch in einer Kirche, die während jener unglücklichen Zeit beynahe der allgemeine Zufluchtsort war, nicht haben verborgen bleiben können. Eben so wenig muß es mit der Anzeige, die dem Burgermeister, Hermann Sartorius hievon gemacht worden seyn soll, seine Richtigkeit haben; da die Schweinfurtischen Annalen keinen Burgermeister des Nahmens um dieselbige Zeit kennen, vielmehr Hermann Hartlaub und Johann Zösch damahls das Burgermeister-Amt bekleideten. Ueberhaupt ist ein, in die der Augspurgischen Confession damahls noch zugethanen Dörfer Schonungen und Forst verordneter Vikar, der von dem Stifte Haug als Pfarrer in Schweinfurt eingeführet worden seyn soll, wohl ein wahres Unding; und dann mag das hierüber ausgefertigte Instrument auf seinem Werthe oder Unwerthe beruhen. Etwas ging indessen ganz gewiss vor; und ich glaube, daß man sich aus der Verworrenheit, die hier herrschet, am Besten und Leichtesten heraus finden kann, wenn man den ganzen Hergang folgender Maßen vorstellt: Johann Goßmann ward ward wirklich von dem Stifte Haug nach Schweinfurt beordert, um in dem Falle, wenn er sich Aufnahme versprechen könnte, sogleich Besitz von der Hauptkirche zu nehmen: dazu wurde einstweilen das Präsentations- und Investitur-Instrument bereit gehalten; dazu wurde auch weislich das Prädikat eines in die evangelischen Orte Schonungen und Forst verordneten Vikars gewählet, um ihm desto mehr Eingang zu verschaffen; er selbst mußte mehr in der Stille und ohne daß man wissen oder ahnden möchte, von wannen er komme, auftreten; (denn alles Geräusch verboth schon die erste Abfertigung, die 1549 erfolgt war) allein er fand die Gemüther der Schweinfurtischen Einwohner nicht geneigt für sich; Niemand begehrte seiner Dienste und die Umstände waren überhaupt sehr ungünstig für ihn: er zog also bald darauf wieder ab.

Die Richtigkeit dieser Vorstellung erhellt besonders daher, daß das Stift Haug auch in der Folge ernstlich darauf bestand, Johann Goßmann sey wirklich in Schweinfurt gewesen; und daß man von Seiten Schweinfurts erwiederte: wenn er auch da gwwesen wäre, so wäre doch kein Gebrauch von seinen Diensten gemacht worden, indem der Rath sein Kirchen-Ministerium selbst bestellet hätte; auch habe sich Goßmann gar nicht getrauet, sein vermeintliches Pfarramt anzutreten. Da indessen auch der zweyte und noch dazu noch etwas feiner angelegte Versuch mißlungen war: so konnte sich das Stift Haug leicht überzeugen, daß das angeblich Collatur-Recht auf die Hauptkirche nun wohl nicht mehr werde behauptet werden können; allenfalls gab auch der Religions-Friede, der 1555 geschlossen ward und so vortheilhaft für die Protestanten ausfiel, dieser Ueberzeugung noch das volle Uebergewicht. Aber vielleicht ließ sich doch in Absicht auf die Gülten, Zinse und Anniversarien noch manches vermitteln? Dazu war umso mehrere Wahrscheinlichkeit vorhanden; da Schweinfurt einige derselben, um allem Eintrag an der Kirchen- und Schul-Bestellung zu entgehen, bereits hatte fahren lassen. Schon den 6ten Jun. des J. 1555 wurde von dem Stifte die Einleitung dazu gemacht; und nach manchen Verhandlungen und Tagesfahrten verwilligte endlich der hiesige Rath, wahrscheinlich durch den Nürnbergischen Advokaten, D. Christoph Gugel, der gleich Anfangs zu rathe gezogen wurde, hiezu bestimmt, die Pfarr-Gefälle dem Stifte Haug; und dieses eine annehmliche Pfarr-Competenz, nähmlich jedes Jahr 30 Malter Korn, 2 Fuder Wein, 60 Gulden an Geld und 2 Schober Stroh.

Familienwappen des Christoph Gugel
Familienwappen des Christoph Gugel

Dieser Vergleich kam den 8ten Oct. 1577 zu Stande; ward aber erst 1562 vollstreckt; dies geschah zu Wirzburg am Monathe September auf einer Tagsfahrt, bey welcher die beyden Fürstlichen Räthe, Philipp von Thüngen und Hermann Geiß von Stift-Haugischer, von Schweinfurtischer Seite aber Kilian Göbel und Conrad Zeitlos (Anmerkung: nach beiden sind heute Straßen in Schweinfurt benannt) erschienen waren. In dem Vertrage, den Schweinfurt mit dem Stifte Haug wegen seines großen und kleinen Zehends in der hießigen Markung 1660 errichtete, mußte die Stadt zugleich die Pfarr-Competenz und die jährliche Entrichtung derselben aus dem hiesigen Zehend-Hofe über sich nehmen; wie denn dieß bis auf den heutigen Tag noch also gehalten wird.

Beynahe von eben derselbigen Art waren die Streitigkeiten, welche der Carmeliter-Orden erhob. So ruhig er sich Anfangs verhielt, als das Kloster von dem hiesigen Magistrate eingezogen wurde; so sehr suchte er nach einigen Jahren dasselbe wieder zu behaupten. Schon im J. 1547 verlangte der Provincial-Prior in Ober-Teutschland und Ungarn von dem hiesigen Rathe Bericht über das ehemalige Kloster und über die Art, wie es in seine Hände gekommen sey; führte dann 1550 eine eigene Beschwerden-Klage bey Kaiser Karl V. und erhielt eine Kaiserliche Commission, die dem Hoch- und Teutschmeister Wolfgang mit der Weisung aufgetragen wurde, beyde Theile in der Güte zu vertragen; aber die Verhandlungen liefen fruchtlos ab: wenigstens scheint kein eigentlicher Vergleich zu Stande gekommen zu seyn. Indessen war der Religions-Friede 1555 geschlossen worden; un die Carmeliter zu Wirzburg forderten nun ernstlich die bisher fällig gewesenen Zinse ihres Klosters zu Schweinfurt, worauf sie nach jenem Religions-Frieden Anspruch machen durften. Der Rath ließ sie ohne weitern Anstand verabfolgen; blieb aber übrigens im ruhigen Besitzstand. Erst 1567 ward unter der Regierung Bischofs Freidrich ein Vertrag errichtet, nach welchem die Carmeliter sich aller Forderungen und Ansprüche auf den Kloster-Platz zu Schweinfurt gegen nahmhafte Verziegs-Gelder begaben, die der Fürst-Bischof durch Ueberweisung auf sich nahm. Die neuen Anforderungen, die, nachdem schon lange vorher alles vertragen und verglichen war, um das J. 1630 vom Stifte Haug und dem Carmeliter-Orden gemacht wurden, die aber eben so glücklich, wie die ganze damahlige Gährung, sich endigten, gehören nicht in diese Geschichte, deren Ziel nicht so weit hinaus gesteckt ist.  Bey allen Unruhen indessen, welchen Schweinfurt damahls ausgesetzt war, sorgte doch der Rath mit einer weisen Vorsicht dafür, daß die neue Lehre behauptet und erhalten werden möchte. Einmahl war er doch 1545 auf dem Convente zu Frankfurt, wo Nürnberg seine Stelle vertrat, unter die Schmalkaldischen Bundsverwandten aufgenommen worden; er war also um so mehr zur Aufrechthaltung der Augspurgischen Confession in seinem Mittel verpflichtet. Diese seine Fürsorge zeigte sich hauptsächlich bey dem Abzuge des M. Johann Sutellius, welcher 1547 erfolgte.

So ungerne man diesen hier allgemein beliebten Mann verlor; denn davon zeugt die allgemeine Betrübniß, die man über seinen Abzug auch noch nachher empfand; davon der ihm ertheilte Abschied; davon die Fürsorge des Rathes für seine Frau, die wegen ihrer nahen Entbindung mit ihren Kindern hier zurück geblieben war; davon die Grabschrift, die seiner hier entschlafenen Gattin gesetzt wurde; davon ein silberner Becher, den ihm der hiesige Rath bey seiner neuen Verehelichung zu einem Hochzeit-Geschenke überschickte, ganz unwidersprechlich: so wenig konnte man doch seinem Wunsche, wieder in sein Vaterland zurück zu gehen, widerstehen, zumahl da er in Absicht auf sein Amt, das ihm durch Lästerungen verbittert wurde, eben nicht die besten Tage hatte; er folgte also dem Rufe seines Landesherrn und ging als Pfarrer nach Allendorf. Nichts war nun dem hiesigen Rathe eine größere Angelgenheit, als daß die erledigte Pastor-Stelle wieder mit einem würdigen Manne besetzt werden möchte. M. Johann Lindemann, eben derselbige, der unter so traurigen Schicksalen von hier hatte flüchtig werden müssen, war ihm kaum als ein brauchbarer Volkslehrer angerühmet worden, als er sich ohne weitern Verzug an Phil. Melanchthon mit der Bitte wandte, diesen Mann hieher zu befördern: und auch Sutellius ward ersucht, deßhalb an Melanchthon zu schreiben und ihm das aufgetragene Geschäfft dringendst zu empfehlen. 

Melanchthon - Gemälde von Lucas Cranach
Melanchthon - Gemälde von Lucas Cranach

Beynahe hätte sich M. Lindemann nicht bestimmen lassen, den an ihn ergangenen Ruf anzunehmen; da die Rückerinnerung an seine Flucht von Schweinfurt noch so traurig für ihn war: nur das heilige Versprechen der hieisgen Orts-Obrigkeit, daß ihm aller nur mögliche Schutz werden sollte, vermochte ihn endlich dazu. Er zug in demselben Jahr, nähmlich 1547 hier auf und wirkte bis 1554, wo er während der Belagerung der Stadt starb, ungemein viel Gutes. Hauptsächlich aber foderte er die unglückliche Zeit, wo nicht nur M. Lindemann, sondern auch bald darauf Diakonus M. Kellermann gestorben war, wo also die Pastors- und Diakonats-Stelle zugleich offen stand, die ganze Aufmerksamkeit des hiesigen Rathes. Mit seiner Bewilligung hatte sich Laurentius Hunnicus während der Belagerung der Stadt hinweg begeben und zu Münnerstadt, wo damahls die Lehrform der Augspurgischen Confession üblich war, bis Petri-Stuhl-Feyer 1555 (Anmerkung: das war damals der 18. Januar, während dieses katholische Kirchenfest heute am 22. Februar stattfindet) Dienste genommen: der nächste Weg war also, diesen Mann unter so trübseligen Umständen, wo die Herde keinen Hirten hatte, zurück zu rufen. Es wurde sogleich an die Wirzburgischen und Hennebergischen  Beamten geschrieben, auch an den Rath daselbst geschrieben und um seine Entlassung dringend gebethen; aber vergeblich, freylich aus Gründen, die immer wichtig genug waren. Auch die ordentliche Berufung, die hierauf an den Laurentius Hunnicus (Anmerkung: tatsächlicher Name Heunisch) selbst von hier aus erging, blieb ohne Wirkung: erst nachdem sein Termin zu Ende gegangen war, konnte er 1555 sein Amt hier antreten. Weil er indessen die Pastors- und Diakonats-Geschäffte allein versehen mußte: so ward 1556 Wolfgang Ruprecht, Pfarrer zu Ehrenfriedersdorf, der sich zuvor als Markgräflich-Albrechtischer Hofprediger schon einige Zeit hier aufgehalten und die Bekanntschaft M. Lindemanns gemacht hatte, als Pastor hieher berufen, und nach zweyen Jahren eine eigene Bestallung mit ihm aufgerichtet.  

So ward nicht nur von der Reformation an ununterbrochen fort für brauchbare Religions-Lehrer gesorgt; sondern Schweinfurt gelangte auch endlich zu einem freyen Bekenntnisse der evangelisch-lutherischen Lehre, nachdem der bekannte Passauer Vertrag und der darauf erfolgte Religions-Friede geschlossen worden war; denn auch die hiesige Reichsstadt war, wie alle protestantischen Stände des Reichs mit in diesen Frieden eingeschlossen, da sie zu den Verhandlungen hierüber auf dem Reichstag zu Augspurg 1555 berufen wurde, und durch eine an Rothenburg ausgestellte Vollmacht wirklich daran Theil nahm. Schade daß dieser Friede von außen bald darauf durch innerliche Religions-Zwistigkeiten gestöret ward. Die Verschiedenheit der theologischen Meinungen, die sich damahls hervor zu thun anfing, ergriff auch 1559 die hiesigen Religionslehrer. Beyde, Wolfgang Rupertus und Laurentius Hunnicus wurden darüber uneins: ob auch gute Worte zur Seligkeit nothwendig seyen; ob man durch gute Werke den heiligen Geist behalte; ob Adam, wenn er nicht gesündiget hätte, durch seinen Gehorsam vollkommen gerecht worden wäre? So gar auf der Kanzel stritten sie darüber auf eine eben nicht erbauliche Art; und es kam endlich so weit, daß das Bedenken Melanchthons hierüber eingeholet werden mußte. Vortrefflich erklärt sich der eben so scharfsichtige als mäßige und Friedliebende Mann darinn. Auf die erste Streitfrage bestimmt er sich dahin: die Redeformel: gute Werke sind nothwendig zur Seligkeit, gebrauche es gar nicht, sondern drucke sich (und das sey wahre, eigentliche und von aller Sophisterey entfernte Vorstellung) folgender Maßen aus: der neue Gehorsam ist nothwendig; oder gute Werke sind nothwendig; das könne behauptet werden; denn Gehorsam seyen wir Gott schuldig, nach dem Ausspruche: So sind wir nun Schuldner. Selbst die Worte Schuldigkeit und Nothwendigkeit drückten mehr eine von Gott festgesetzte weise und gerechte Ordnung aus, als einen gewaltsamen durch Furcht erzwungenen Gehorsam. So sollen sich denn nach seinem Wunsche auch die Schweinfurtischen Lehrer ausdrucken, damit keine Streitigkeit auf die Kanzel gebracht, das Volk nicht verwirret und Einigkeit erhalten werden möge. 

Bey der zwoten Streitfrage: ob man den heiligen Geist durch gute Werke behalte, erklärt sich zwar Melanchthon nach den damahligen Grundsätzen, daß Gott dazu mitwirken müsse, empfiehlt aber wiederhohlter, daß die Religions-Lehrer zu Schweinfurt, ohne sich auf subtile Streitfragen einzulassen, hauptsächlich bey der Ertheilung der Vorschrift stehen bleiben möchten: Kämpfe einen guten Kampf, habe Glauben und gutes Gewissen. Das sey verständlich und nützlich. Auch bey der dritten, von Wolfg. Rupertus erregten Streitfrage meinet zwar Melanchthon, würde doch Mensch geworden seyn, wenn auch Adam nicht gefallen wäre; will aber auch die ganze Erörterung gar nicht auf die Kanzel gebracht, sondern bloß von der menschlichen Natur, wie sie nun sey, und von den Wohlthaten, die uns nun durch den Sohn Gottes geworden wären, nach dem Beyspiele der Propheten und Apostel gesprochen wissen. Bescheidenheit müsse in streitigen Untersuchungen herrschen, nicht alles zu genau gesucht und Redeformeln vermieden werden, die wegen ihrer Zweydeutigkeit, oder wegen ihres Ueberspannten leicht anstößig würden. Zuletzt schließt er mit den vortrefflichen Wünschen und Ermahnungen: Wir bitten die Prediger ergebenst, unsere Antwort gut aufzunehmen und nicht mehr zu streiten. Nach ihrem Alter und nach ihrer Klugheit sollten sie wissen, daß Einigkeit erhalten werden muß, daß aber diese ohne Mäßigung und Bescheidenheit nicht erhalten werden kann. Möchten also unnöthige Critiken, besonders öffentlich, vermieden werden. Hat einer von beyden irgend einen Anstoß, so erkläre er sich zwischen vier Wänden und im Beyseyn einiger guten Freunde über seine Meinung. Den Rath aber ermahnen wir, das Volk nicht durch Predigten, die einander zuwider laufen, verwirren zu lassen, sondern lieber den, der nicht nachgeben will, oder auch beyde zugleich zu verabschieden; denn der Friede der Kirche muß, wenn über die Hauptsache kein Streit ist, standhaft erhalten werden. Den Sohn Gottes aber bitten wir, daß er immer unter uns eine Kirche sammle und uns eins in ihm seyn lassen wolle."

Dieß stiftete auf einige Zeit Friede: aber in der Folge mußte doch Wolfgang Rupertus wegen seines streitsüchtigen und unfriedlichen Betragens entlassen werden. Auch darinn mag ein Grund mit gelegen haben, warum Schweinfurt endlich die Concordien-Formel unterschrieb. Dieß geschah, nachdem es noch besonders dazu aufgefordert worden war, durch M. Hermann Heinrich Frey, Valentin Bonficht, Philipp Hein, Nik. Heuler, Johann Heldt, M. Jodocum Volcopium, Joh. Walther, Joh. Fendel, und Joh. Eccium.

Ende