Hitlerjugend in Schweinfurt

Unterhält man sich mit Schweinfurter Bürgern, die als Kind die Hitlerjugend miterlebt haben, so erfährt man weit überwiegend, dass die Zeit dort keineswegs negativ empfunden wurde. Es wurde zwar versucht, die Kinder ideologisch zu manipulieren, doch scheint dies von den allermeisten als "Pflichtübung" verstanden worden zu sein. Die sonstige Freizeittätigkeit haben die meisten, besonders die jüngeren, positiv in Erinnerung.


Ein gutes Beispiel ist die Auzeichnung von Frau Christl Schwalb, geb. Ebenauer, die dem Schweinfurtfuehrer diese Aufzeichnungen aus dem Jahre 2000 zur Verfügung gestellt hat.

Christi Schwalb geb. Ebenauer
Erinnerungen an unsere Hitler-Jugendzeit.
Oft werde ich von Jüngeren gefragt, wie war denn das damals? Du hast doch die Hitler-Zeit noch erlebt.
Ja, wie war sie denn? Meine Gedanken gehen 60 Jahre zurück in das Jahr 1940. Damals gab es zwei wichtige Einschnitte in meinem Leben. Der Übertritt von der Volksschule in die Mädchen-Oberrealschule stand bevor sowie die Aufnahme in die Hitler-Jugend.
Noch heute kommt mir ein Schmunzeln, wenn ich an unseren alten, vom Kriegsdienst zurückgestellten Volksschullehrer denke, der zu meiner Mutter sagte: „Sie können es ja einmal versuchen Ihre Christi in die Oberrealschule für Mädchen zu schicken". Es hat geklappt und es gab nie Probleme, wobei mir das Lernen sogar riesig Spaß bereitete.
Nun zu meinem Eintritt in die Hitler-Jugend. Beim ersten Appell im Hof der Kömer-Schule wurde ich der JM-Gruppe 4 (JM = Jungmädchen) zugeteilt. Wenige Tage später erhielten alle Neulinge ihre Uniform, die aus einem blauen Rock, weißer Bluse, einem schwarzen Dreiecktuch, das ein brauner Lederknoten zusammen hielt, und einer gelb-braunen Jacke, Kletterjacke genannt, bestand. Je nach Witterung wurden dazu weiße Söckchen oder Kniestrümpfe getragen.
Am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, fanden immer große Aufmärsche am Viehmarkt in Schweinfurt statt, wobei wir in den dünnen Uniformen oft erbärmlich froren. Nur durch zackiges Marschieren und lautem Singen erwärmten wir uns wieder. Es war ein beeindruckendes Bild, die Schweinfurter Jugend mit ihren Trommeln, Fanfaren und Fahnen versammelt zu sehen. Wie war doch gleich der Spruch? Schnell wie  die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl. So sollte die neue Generation sein. Nun ja, gar so schlimm wurden wir nicht gedrillt.
Zweimal in der Woche war Dienst. Am Mittwoch und am Samstag. Die Bastelstunden im Herbst fanden in einer Holzbaracke der Firma Riedel statt. Für einen guten Zweck zu arbeiten, machte uns besonders viel Freude. So wurde gesägt, gehämmert, gemalt und geleimt. Es entstanden Märchenfiguren und Kinderspielzeug. In der Vorweihnachtszeit ging der Erlös aus dem Verkauf oder der Versteigerung der gebastelten Sachen als Spende an das WHW (Winterhilfswerk des Deutschen Volkes).
 Unsere Gruppenleiterin war Inge Riedel, eine von den beiden Riedel-Zwillingen. Sie war eine sehr nette sympathische Leiterin, die uns für viele Dinge interessieren und begeistern konnte. Ist es nicht bezeichnend, dass fast alle höheren Leiterinnen später Lehrerinnen wurden? Frauen, die Freude an der Ausbildung und Führung von Jugendlichen hatten.
Eine JM-Gruppe (100-120 Mädchen), bestand aus drei bis vier Scharen (ca. 30 Mädchen) und den Schaften (ca. 10 Mädchen).
Am Besten gefiel mir der Sport. Als Fünfjährige war ich bereits mit meiner Mutter zum Kindertumen gegangen und blieb auch weiterhin der Tumgemeinde im Geräteturnen und Leichtathletik treu. Bei den JM war alles anders. Man wurde gefördert. Bei Wettkämpfen gab es Auszeichnungen für die besten Leistungen, wodurch der Ehrgeiz angestachelt \wurde. Unlängst kam mir eine Urkunde aus dem Jahr 1942 mit 4,30 m im Weitsprung in die Hände. Darüber staune ich heute noch.
Unser Emst-Sachs-Bad war für die damaligen Verhältnisse ein fortschrittliches und schönes Hallenbad, in dem unsere Schwimmwettkämpfe stattfanden. An diese Zeit erinnere ich mich sehr gern, denn wer Spaß an Sport und Leistung hatte, dem standen alle Möglichkeiten offen. Der Schulsport in den ersten Klassen war dagegen ein Witz. Unsere „ Ida Lorenz " war ein Unikum. Sie trug Pumphosen und darüber ein Röckchen, schwang ein Tamburin, nach dessen Takt wir im Kreis, Arme und Beine schwenkend, herumhüpften. Schon bei ihrem Anblick mussten wir natürlich kichern. Diese albernen Turnstunden dienten wirklich nicht der Körperertüchtigung.
Sehr wichtig war das Singen von Liedern als verbindendes Gruppenelement. Unser Repertoire bestand aus schönen Volksliedern, Soldatenliedern und natürlich auch dem nationalsozialistischen Liedgut, wie das Horst-Wessel-Lied, dessen Text mir völlig entfalten ist.
Weniger begeistern konnten uns die Schulungsstunden im Motor-HJ-Heim. Nationalsozialistische Propaganda stand auf dem Programm. Hitlers Lebenslauf, sein Buch „Mein Kampf" und ähnliches waren die Themen. Hitlers Geburtstag am 20. April und der 9. November, dem Marsch auf die Feldherrnhalle, die wichtigsten Ereignisse im Leben eines Nazis, blieben mir im Gedächtnis. Alles andere verblasste sehr schnell und interessiert heute kaum noch.
An ein Pfingstlager kann ich mich noch erinnern. Ich schätze unser damaliges Alter auf 10 - 11 Jahre. Ziel war die Ortschaft Oberelsbach. In Reih und Glied marschierend, voran unser fröhlich im Wind flatternder Wimpel, wurde gesungen, was das Zeug hielt: nicht besonders schön, aber um so lauter. Unser Gepäck und die Verpflegung transportierte ein, von Pferden gezogener großer Leiterwagen zur Scheune eines Bauernhofes, in der wir schlafen sollten. Um gegen die niedrigen nächtlichen Temperaturen geschützt zu sein, sollten zusätzliche Decken und warme Sachen für ein angenehmes Klima sorgen.
Im großen Hof des Anwesens stand die Gulaschkanone, ein schlichter Waschkessel, unter dem ein Holzfeuer brannte. Einen Sack Bandnudeln hatten wir auch aufgeladen, unsere Hauptverpflegung. Nun gab es drei Tage lang Nudeln in allen möglichen Variationen, frisch gekocht aus dem Waschkessel. -Wie Schrecklich! -
Unsere Beschäftigung bestand aus dem Erkunden der Umgebung. Wir machten viele Spiele, wie die Schnitzel-Jagd und sangen, wenn es regnete, Lieder in der Scheune. Nachts war es bitter kalt. Das Stroh kitzelte und raschelte. Geheimnisvolle Geräusehe waren überall zu hören. Dann ängstigten und ärgerten uns die "bösen Buben" aus dem Ort, verkleidet als Geister, mit ihrem Geheule. Wie kam ich mir allein gelassen vor, fürchtete mich sehr und sehnte mich nach Mutti und meinem warmen Bett zu Hause. Der Heimmarsch war alles andere als fröhlich, denn es goss in Strömen.
Wieder zurück in Schweinfurt, sah ich scheinbar schlimm aus, denn meine Mutter schlug ihre Hände über dem Kopf zusammen, steckte mich sofort in die Badewanne und alle Kleidungsstücke in den Waschzuber.
Beim nächsten Treffen nach den Ferien fanden alle das Pfingstlager ganz pfundig. Keiner traute sich etwas anderes zu sagen, denn Angsthasen, Feiglinge und Wasserscheue, die gab es bei uns „Jung-Mädeln" überhaupt nicht.
Das Fazit aus dieser Zeit: Wir hatten viel Spaß, lernten manches, vor allen Dingen Disziplin und Kameradschaft. Von den schrecklichen Dingen, die in der Hitler-Zeit geschahen wussten wir - jung wie wir waren - nichts.
Eines möchte ich noch anfügen. Aus Politik und Parteien habe ich mich in meinem späteren Leben herausgehalten.

Und wenn ich all meine Bekannte und Schulfreundinnen aus damaliger Zeit befrage, so erfahre ich immer wieder, dass sie ganz ähnlich empfunden haben. Wir nahmen alle gerne an diesen Veranstaltungen der JM teil. Da war etwas dabei aus dem Programm der "Pfadfinder" oder dem "Wandervogel" unserer Eltern. Von den ideologischen Hintergründen ahnten wir nichts. Die Eltern trauten sich nicht, etwas zu sagen.........

Hitlerjugend in Schweinfurt
Hitlerjugend in Schweinfurt
Hitlerjugendheim in der Wilhelmstraße, nach dem Krieg Gewerkschaftshaus, heute Moschee
Hitlerjugendheim in der Wilhelmstraße, nach dem Krieg Gewerkschaftshaus, heute Moschee