Schweinfurter Kriegserlebnisse

Es gab nicht wenige Schweinfurter, die ihr Erleben des Zweiten Weltkriegs in Tagebüchern festgehalten haben.

In diesem Abschnitt sollen solche Erlebnisse gesammelt und veröffentlicht werden.

Herzlichen Dank an alle jene, die diese Unterlagen zur Verfügung gestellt haben.

 

Kriegserlebnis von Frau Maria Klein

Ich, Maria Klein, geb. Gumsheimer, erlebte und überlebte den 1. Bombenangriff auf Schweinfurt in der Auenstraße 9.

Es war ein schöner Sommertag, als ich mit meiner Mutter früh in den Garten unterhalb unserer Terrasse ging, um die Tomaten und das weitere Gemüse zu gießen. Meine beiden Spielgefährten vom Haus gingen mit dem Vater, Herrn Schäfer, der gerade seinen Urlaub vom Betrieb der Fa. Kugelfischer zu Hause verbringen durfte, ins Schwimmbad. Nach dem Mittagessen spielte ich gerade alleine auf der Mauer der Terrasse, als Herr Schäfer mit den Kindern nach Hause kam. Ich freute mich riesig, dass wir nun zu dritt spielen konnten.

Im Hause Auenstraße 9 waren wir zu dieser Zeit gegen 15:30 Uhr nur zu siebt, nämlich das Ehepaar Schäfer mit seinen beiden Kindern, meine Mutter und ich sowie Herr Gräf, der Heimaturlaub von der Wehrmacht hatte. Seine Familie war evakuiert worden und er wollte zu Hause nach dem Rechten sehen.

Plötzlich hörten wir schrille Sirenentöne, die wir bereits zuvor bei Probealarm-Situationen gehört hatten. Sofort begaben wir uns, wie man uns eingetrichtert hatte, in den Keller, den so genannten Luftschutzkeller. Meine Mutter kam mit Herrn Gräf aus dem 1. Stock herunter, Herr Schäfer und seine Kinder mit mir von der Terrasse. Außer Herrn Gräf gingen wir alle sofort in den Luftschutzraum, der eine so genannte Gasschleusentüre hatte, die jedoch noch nicht verschlossen wurde.

Wir drei Kinder gingen mit unseren Puppen und einigem Spielzeug auf ein bettartiges Gestell links hinten in der Ecke des Kellers, das Ehepaar Schäfer auf das daneben stehende und meine Mutter auf einen Stuhl gegenüber unserer Spielecke.

Plötzlich, nach einigem Sirenenheulen, kam Herr Gräf von oben und sagte laut zu Herrn Schäfer: "Hoffentlich treffen die uns nicht, die werfen nämlich Christbäume ab." Dies war für mich etwas, was ich unbedingt sehen wollte! Mitten im Sommer Christbäume, die vom Himmel fallen. Also, nichts wie raus aus dem Keller und die Treppe hoch. Meine Mutter merkte es dann und ging sofort den Gang vor, wo auch eine Gasschleusentüre war. Herr Gräf eilte nach oben und holte mich, als wir plötzlich zu Boden geschleudert wurden. Das ganze Haus bebte! Eine Bombe war direkt ins Haus und hier in den Luftschutzkeller eingeschlagen. Wir stellten kurze Zeit später fest, dass die Spitze der Bombe genau in die Kellerecke eingeschlagen war, in der wir Kinder zuvor zu spielen begonnen hatten.

Auch im Haus Nr.11 gab es zwei Leichtverletzte. Da für solche Fälle Vorsorge getroffen war, indem man in den Häuserblöcken Kellerverbindungen durch Wanddurchbrüche geschaffen hatte, waren nach den Entwarnungssirenentönen sofort Nachbarn zur Stelle, die Herrn Gräf, meine Mutter und mich ausgruben. Herr Gräf lag zuoberst und bekam etwas von der vorderen Gasschleusentüre ab, meiner Mutter  schlug der Türrahmen gegen die rechte Körperseite und den Knöchel. Ich selbst lag direkt unter meiner Mutter und blieb mit Ausnahme einer Schürfwunde unverletzt. Herr Gräf wurde gestützt in den Nachbarkeller gebracht, meiner Mutter hing der rechte Fuß ab und man nahm von einem kranken Mädchen namens Doris Kneffel aus dem Haus Nr. 7 das Kopfkissen und band dies um den Fuß meiner Mutter und trug diese in das Haus Nr. 7.

Mein Großvater wohnte in der Auenstraße 26, also schräg gegenüber und eilte natürlich sofort zu uns. Ich musste gehorchen und ihn begleiten. Als ich merkte, dass mein Vater von der Arbeit bei der Fa. VKF (später SKF) nach Hause kam, riss ich aus und ging an die Unglücksstätte zurück, um meine Puppe (mein Pupperle) wieder zu finden. Nach einer kräftigen "Gardinenpredigt" meines Vaters setzte ich mich brav auf zwei aufgestellte Backsteine und schaute den Ausgrabenden zu, denn die Familie Schäfer wurde noch vermisst. Es waren Laute zu hören und man rief: "Aushalten! Wir kommen!"

Es war schon ziemlich spät und da brachten zwei Männer ein Kinderärmchen aus den Trümmern. Von diesem Moment an hatte ich kein Interesse mehr an meiner Puppe, denn es war jedem klar: dieses Ärmchen gehörte zu Ingeborg Schäfer.

ich selbst setzte mich dann freiwillig auf eine Treppe, die zu den Sandkästen führte und wartete ab, bis auf einmal Herr und Frau Schäfer schwer verletzt herausgetragen wurden und verhüllt die beiden Kinder des Ehepaars.

Solche Momente wie der Bombeneinschlag und die Stunden unserer Rettung werde ich niemals vergessen (können). Bei jeder Fernsehsendung, die durch Krieg zerstörte Häuser zeigt, muss ich die Augen schließen und den Raum verlassen.

Vom Hörensagen weiß ich, dass Herr Schäfer ein gebrochenes Bein hatte und auch Frau Schäfer mehrere Wunden erlitt. Beide Schäfers sind jedoch, wenn ich nicht irre, 1/2 Jahr später an den Folgen des Angriffs gestorben.

Meine Mutter wurde, wie alle Verletzten, mit einem Lastwagen in den Göthebunker gefahren, wo medizinische Versorgung vorghalten worden war. Ein Arzt und ein Sanitäter übernahmen die Erstversorgung. Spät am Abend, von meinem Vater mit Decken versorgt, wurden die Verletzten wieder auf dem offnen Fahrzeug ins Luitpoldkrankenhaus nach Würzburg verbracht.

Meine Mutter konnte nie mehr ohne Stock gehen. Trotz Gips und ärztlicher Versorgung war der Fuß schief wieder zusammengewachsen.

Es war eine schwere Zeit, die mich nach 70 Jahren noch immer verfolgt.

Maria Klein, August 2014

Anmerkung:

Der erste Bombenangriff:

 

17.08.1943 15.56 bis 16.20 - 300 Flugzeuge

1 Mine, 1.200 Sprengbomben, 1.800 flüssige Brandbomben

Schäden vor allem in der Altstadt, auf dem Industrie- und Bahnhofsgelände, in Oberndorf und im nordwestlichen Stadtbezirk

 

 

Erlebnisse des Herrn Erich Meidl während des Zweiten Weltkriegs

Die Erlebnisse der Frau Rita Eschenauer kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Raum Schweinfurt

Ein weiteres Tagebuch hat uns die damals 20-jährige Rita Eschenauer aus Grettstadt hinterlassen. Ihre Aufzeichnungen geben ebenfalls ein treffendes Stimmungsbild aus jener Zeit:

Ostersonntag, 01.04.1945

Ich selbst arbeite im Betrieb der Vereingten Kugellagerfabriken in Schweinfurt und bin seit der Bombardierung des Werkes in Bad Kissingen, wo das Werk seine ganzen Büros untergebracht hatte. Da die tägliche Bahnfahrt immer riskanter wurde, wegen der Tiefflieger, wohne ich seit dem 15.01.1945 ganz in Bad Kissingen (Gartenvilla, Sperenza, Schönbornstraße 3) und fahre jedes Wochenende heim. In den letzten Wochen hat sich jedoch vieles verändert. Russische und amerikanische Truppen sind im Vaterland im Vormarsch. Die amerikanischen Streitkräfte sind schon ganz in unsere Nähe vorgerückt. Die Karwoche war in diesem Jahr eine tatsächliche Leidenswoche. Von Ferne hört man Tag und Nacht überall den Donner der Bomben und Granaten. Es ist schauerlich, nur an die herannahende Zeit zu denken. Von überall her kommen Flüchtlinge und Evakuierte. Auch sieht man schon viele versprengte Truppen unserer Wehrmacht. Von allen Soldaten, mit denen ich im Briefwechsel stand, weiß ich nichts mehr. Heinrich hat seit dem 1.2., Hans seit dem 5.3., die anderen alle seit Weihnachten nichts mehr geschrieben. Wo werden sie alle stecken? Ich habe ihnen allen Ostergrüße gesandt, ob sie ankommen, wer weiß? Jetzt geht keine Post mehr.

Ostermontag, 02.04.1945

Mein Vater muss heute arbeiten. Es sollen noch Kugellager vom Lagerhaus in Grettstadt nach Mainleus (auch einem Verlagerungsbetrieb von VKF) geschafft werden. Da gab es gegen 17 Uhr einen großen Schrecken, denn ein Tiefflieger beschoss das Lagerhaus, weil mehrere Ölfässer auf dem Bahngleis standen. Gott sei Dank war meinem Vater, der schnell unter einen Waggon kroch, nichts passiert. Gegen Abend traf ich noch unseren Flaksoldaten Albert Plötz, der schon das Material zum Sprengen der Sulzheimer Stellung holte.  Er schenkte mir ein Paar Strümpfe. Die Erstkommunionkinder gingen schon heute, am Ostermontag, zum Tisch des Herrn, wegen der Ungewissheit der kommenden Tage.

Dienstag, 03. April

Vater brauchte heute nicht mehr zu arbeiten, wegen des Schadens, den der Tiefflieger anstellte. Ich versuchte früh mit dem Zug zu meiner Arbeitsstätte nach Bad Kissingen zu kommen, was mir nicht gelang - keinen Anschluß in Schweinfurt. So machte ich mich wieder auf den Heimweg und lief von Schweinfurt zu Fuß nach Grettstadt. Meine Mutter freute sich riesig, als ich wieder kam.

Mittwoch, 4. April

Heute früh gelang es mir nach Bad Kissingen zu kommen. Dort wurde alles eingepackt und in einem Stollen hinter dem Kurhaus versteckt. Man wartete schon auf den Feind, der bereits Hammelburg erreicht hatte. Ich nahm Abschied vom Geschäft, meinem Zimmer und allen Mitarbeitern. Als Mittag das Gerücht auftauchte, dass der Feind schon zwischen Würzburg und Schweinfurt sei, haute ich sofort mit der wenigen Habe von Bad Kissingen ab. Zum Glück erwischte ich ein deutsches Militär-Lastauto, das mich mit nach Schweinfurt nahm, dann ging's zu Fuß heim. Letzter Tag in Bad Kissingen.

Donnerstag, 5. April

Immer wieder kommen Soldaten ins Dorf, die ihre Stellungen fluchtartig verlassen mussten. Wir hatten einen Flieger aus Osterbrucken zum Übernachten.

Freitag, 6. April

Die Lage wird immer ernster, Cousine Martha hat einen Soldaten aus Würzburg zum Übernachten bekommen. Würzburg ist schon vom Feind besetzt. Schon kracht es ganz nahe bei uns. Die Flieger sind immer und überall am Himmel.

Samstag 7. April

Meine Cousine Agnes und ich marschieren zu Fuß nach Gochsheim und holen Apfelsaft. Das Lager Bernhard wird ausverkauft. Nach Schweinfurt fliegen die ersten Artillerie-Granaten - schrecklich! Auf dem Heimweg von Gochsheim nach Grettstadt konnten wir schon Artillerie und Tiefflieger beim Beschuß der Stadt Schweinfurt beobachten. Es ist grauenhaft! Gegen Abend kamen ins Dorf viele deutsche Soldaten einer versprengten Kavallerie-Abteilung. Ein oberschlesischer Soldat aß bei uns zu Abend.

 

Weißer Sonntag, 8. April

Da man nicht wußte, ob der 2. Gottesdienst noch ungestört gehalten werden konnte, gingen meine Eltern und ich schon um 7 Uhr zur Messe. Die Soldaten, die gestern von westen kamen, wurden hier neu zusammengestellt und mussten zu Pferd oder zu Fuß gegen 14 Uhr wieder an den Feind. Es war grauslich, das Gefühl zu wissen, sie müssen vorgehen und kämpfen. Ein Flakblindgänger traf das Dach unserer Kirche.

Montag, 09. April

Vater und Mutter waren zur Kirche gegangen und kamen gleich wieder, weil der Gottesdienst wegen Annäherung des Feindes abgebrochen werden musste. Die letzten deutschen Truppen kamen am Waldrand entlang heute morgen zurück. Sie umgingen unsere Ortschaft weiter nach Osten. Jetzt hörte man schon Maschinengewehrgeknatter. Auch war das Anrollen der Panzer schon zu hören. Wenn diese nur schon bei uns wären, dann wüsste man wohl mehr als heute. Werden wir wohl diese Tage überleben? Wer weiß, wie alles kommen wird. Gegen 22 Uhr stellen die Deutschen an der Dreschhalle noch ein Geschütz auf zur Gegenwehr. Da hatten wir eine schreckliche Angst, aber gottlob wurde es schon eine Stunde später abgezogen.

Dienstag, 10. April

Den ganzen Tag hörte man das Schießen der feindlichen und deutschen Artillerie. Das Feuer spielte sich alles westlich unserer Ortschaft ab. Dichte Staub- und Rauchwolken konnte man überall sehen. Wir haben am Abend ein Bett im Keller gerichtet, um vielleicht etwas zu schlafen. Herr Platzbecker, ein Evakuierter aus Schweinfurt, ließ sich in der Nacht zum Bunker am Burkartsbrunnen bringen, weil er sich dort sicherer fühlte. Wir blieben in unserem Keller und hausten dort. Es war eine fürchterliche Nacht. Wir haben nicht geschlafen. Die Stimmung war auch am Morgen schrecklich mies. Jetzt wünschten wir nur noch, dass der Ami bald kommt. Plötzlich, nachmittags gegen 16 Uhr, kamen die ersten Granaten zu uns geflogen. Sie schlugen rings um den Ort überall ein. Bei uns am westlichen Ortsende war es sehr schlimm. Im Garten, im Hof, auf der Straße, überall flogen die Granatsplitter herum. Man konnte nicht außer Haus. Die Fensterscheiben flogen als erstes. Der Mörtel, der Spiegel und die Bilder fielen von den Wänden. Also ging der Zauber jetzt erst richtig los? Drei Tiefflieger beschossen die Dreschhalle, direkt gegenüber unserem Haus. Gegen Mitternacht wurde es dann ruhig.

Mittwoch, 11. April

Endlich haben wir in der Nacht im Keller einen tiefen Schlaf gefunden. Aber dafür war schon am Morgen die Hölle los. Schon gegen 6 Uhr 30 weckte uns schreckliches Geschieße. Wir konnten bis Mittag nicht aus dem Keller. Bis 9 Uhr saßen wir und beteten den Rosenkranz. Meine Eltern und auch ich glaubten, es ist unsere letzte Stunde. Bei jedem neuen Abschuss- wir hörten Abschuss, Pfeifen und Einschlagen - wussten wir ja nicht wohin das Geschoss geht und ob es uns nicht treffen wird. Auf einmal hörten wir ein Geknister - es musste irgendwo brennen! Ist es bei uns? Vater erspähte in einem ruhigen Augenblick, dass die Scheune von Müllers gegenüber in hellen Flammen stand. Wir mussten im Keller bleiben und konnten nicht löschen helfen. Erst gegen Mittag ließ endlich das Arifeuer nach. Wir krochen wie Leichen aus dem Keller. Immer noch war der Feind irgendwo westlich und südwestlich von uns. Wir konnten aber nichts sehen und am Nachmittag wurde es dann verhältnismäßig ruhig. Gegen Abend kam dann Pfarrer Spieler zu uns, um sich den Schaden im westlichen Teil der Ortschaft anzusehen, wo wir ja wohnen. Er erklärte uns, dass der Artillerie-Beobachter auf dem Kirchturm um 11 Uhr abgehauen ist und sicher schon morgen vormittag die Amis hier sind. Bei der großen Schießerei heute morgen haben schon viele Ortsbewohner die weiße Fahne aus den Häusern getan. Es waren grundsätzlich die größten Nazis gewesen. In den Dämmerstunden des heutigen Tages konnte man das Rollen der Panzer wieder ganz nahe hören. Es gab nur einen Gedanken: Wann werden sie jetzt kommen? Um etwa 20 Uhr legten wir uns wieder im Keller zur Ruhe.

Donnerstag, 12. April

 

Nach einer Nacht mit mächtigem Hin- und Herschießen wurde ich vom Vater um 6 Uhr geweckt. Ich war noch so müde, dass ich nicht gleich aufstand. Auf einmal ein Schrei meines Vaters: "Dort hinten am Waldrand kommen die Panzer!" Sofort sprang ich aus dem Bett. Wirklich, südwestlich am Waldesrand des Schopfich entlang kam Panzer auf Panzer gefahren. Sie kamen, die Amis! Welch ein Gefühl! Sollte man weinen oder sich freuen? Mir war ganz komisch zumute. Wir konnten gar nicht so schnell alles fassen, denn im Nu war schon überall die feindliche Infanterie zu sehen. Ich wollte am Küchenfenster meiner Cousine Agnes schnell sagen, dass schon überall Amis zu sehen sind, aber o Schreck, unter dem Fenster dicht angelehnt, mit dem Gewehr auf mich gerichtet, stand ein schwarzer Soldat. Das war die erste Begegnung mit dem Ami. War er nun ein Feind oder Freund? Schnell war das ganze Dorf eingenommen. Zuerst wurden natürlich alle Häuser nach versteckten deutschen Soldaten durchsucht. Wir erklärten, dass sie alle schon seit zwei Tagen fort seien. Nun rollten etwa zwanzig bis dreißig amerikanische Panzer auf einem südlichen Feldweg in unser Dorf und standen der Hauptstraße entlang Parade. - Schon der ganze April war sehr warm. Die Sonne lachte täglich vom Himmel wie selten in den Apriltagen eines Jahres. Ausgerechnet heute sandte uns der Herrgott nicht nur die Befreier vom schrecklichen Krieg, sondern auch einen herrlichen warmen Regen. Alles in der Natur erwachte zu neuem Leben und auch bei uns Menschen ist ein neues Erwachen gekommen, denn nun beginnte eine andere Zeit für uns? Die Soldaten suchten meist Bauernhäuser auf, wo sie kurze Zeit wirtschafteten. Ein Jugoslawe, der mit einer Grettstädter Frau verheiratet ist und lange Zeit in Amerika lebte, übergab als Dolmetscher unsere Ortschaft. Die Bevölkerung musste die weiße Flagge hissen. Sämtliche Waffen und Munition mussten auf dem Rathaus abgegeben werden. Auch fanden Hausuntersuchungen nach Waffen und Munition statt. Aber das ist bei uns alles gut verlaufen. Im Lagerhaus der VKF blieben ca. 10 bis 20 Amis stationiert zur Bewachung des Dorfes; alles andere war bis zum Abend weitergezogen. Zu all diesen Ereignissen des Tages kam heute auch ein alter Bekannter aus dem warmen Süden ins Dorf, nämlich unser Storch. 

 

Freitag, 13. April

Alles ist ruhig geworden. Die Menschen vesuchen, zu sich und der gewohnten Umwelt zurückzufinden. Vereinzelt hört man noch Donner und Krachen des Krieges. Ruhig ziehen die Flugzeuge mit dem Sternzeichen - nicht mehr mit dem Eisernen Kreuz - über uns hinweg. Zwei Mann stehen im braunen Stahlhelm unserem Haus gegenüber und hüten ein kleines Lagerfeuer, das zum Erwärmen dienen soll. Gleich nach dem Morgengottesdienst, der für unsere in den letzten Tagen gefallenen Krieger gehalten wurde, kamen den ganzen Tag Lastkraftwagen und brachten neuen Nachschub weiter an die jetzt östliche Front. Verdunklung brauchten wir nicht mehr. Licht gab es noch keines. Auch die Wasserleitung ist außer Betrieb. Es fährt kein Zug. Es gibt verschiedene Bestimmungen, vor allem ein Ausgangsverbot von 18 Uhr abends bis 7 Uhr morgens.

 

Die Erlebnisse des Willi Sauer während der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Schweinfurt

Der damals 14-jährige Schweinfurter Willi Sauer hat für den Zeitraum vom 1. April bis zum 11. Mai 1945 Tagebuch geführt, das in den 80er Jahren im Schweinfurter Tagblatt veröffentlicht wurde. Es liest sich wie folgt:

Ostersonntag, 01. April

Durch Mundpropaganda werden wir verständigt, dass auf Grund der Kriegslage - der Feind soll uns schon sehr nahe gekommen sein - um 17 Uhr in der stark beschädigten St. Johanniskirche die Konfirmation mit Beichte und Abendmahl stattfindet, wobei Dekan Fabri und Pfarrer Schorr ihre Konfirmanden zusammenlegen. Während Dekan Fabri die Hostien austeilt und Pfarrer Schorn mit dem Kelch folgt, hören wir Fliegergebrumm und Flakfeuer. Nachdem der Feind jetzt die völlige Luftherrschaft besitzt, haben wir ganztägig Voralarm, d.h. wir sind ständig in Gefahr. Unsere Konfirmation haben wir aber trotzdem heil überstanden.

Ostermontag, 02. April

Zu meiner Konfirmation bekomme ich viele Karten, 115 RM, drei Blumenstöcke, zwei Bücher und eine Armbanduhr, die mein 1940 gestorbener Großvater kurz nach Kriegsausbruch noch besorgt hat. Zum Mittagessen ist Frau R., eine Nachbarin, bei uns. Nachmittags werde ich von Fräulein D. im Garten fotografiert.

Dienstag, 03. April

Mein Vater muss nach Eger zu den Landesschützen einrücken, nachdem ihm der Kreisleiter wegen meiner Konfirmation noch ein paar Tage Aufschub gewährt hat. Um halb sechs Uhr verlässt er uns. Wann werden wir ihn wohl wiedersehen?

Mittwoch, 04. April

Die Amerikaner stehen bei Lohr und Gemünden. Die Mainbrücken werden zur Sprengung hergerichtet.

Donnerstag, 05. April

Gerüchte durcheilen die Stadt. Der Feind soll schon bei Kitzingen und Gerolzhofen stehen. Viele Leute verlassen die Stadt.

Freitag, 06. April

Der Kreisleiter (Weidling) gibt im örtlichen Rundfunk bekannt, dass bei Feindannäherung fünf Minuten Fliegeralarm gegeben wird. Dieser "Panzeralarm" ist aber niemals erfolgt. Außerdem solle die Jugend von 14 bis 17 Jahre fortkommen, angeblich auf vor Flieger sicheren Wegen an vor Flieger sichere Orte. Sowas gibt's doch schon lange nicht mehr! Ich gehe auf keinen Fall fort von hier.

Samstag, 07. April

Ich habe heute meinen 14. Geburtstag. Der Feind steht wenige Kilometer vor der Stadt. Der Flugplatz wird gesprengt. Die feindliche Artillerie beschießt den Westteil der Stadt, hauptsächlich die Gegend des Hauptbahnhofs und der Gelatine-Fabrik. Wir gehen mit der ganzen Nachbarschaft in den Keller der Gastwirtschaft "Linde". Auf wie lange wohl?

Sonntag, 08. April

Tiefflieger vernichten die Flak bei Deutschhof. Die Artillerie beschießt jetzt auch den Stadtbahnhof und den Ostteil der Stadt. Während einer Feuerpause verlassen wir den Keller, um die Frühlingssonne zu genießen. da gerät eine Nachbarin mit einem Nachbarn, der Parteigenosse ist, in Streit. Der Sohn der Frau ist vermisst und sie hält dem Mann vor: "Unsere Buben fallen und wissen nicht, wofür!" Da braust der PG auf: "Jetzt lassen wir mal die Tatsachen sprechen. Wer hat den die Arbeitslosigkeit beseitigt? Wer hat.....?"

Montag, 09. April

Die ganze Stadt liegt unter feindlichem Artilleriebeschuss. In der Bauerngasse schlagen Granaten ein.

Dienstag, 10. April

In der letzten Zeitung lautete die Schlagzeile: "Kapitulation? - Nein, wir ersticken vor Haß!" Im Aufruf der Kreisleitung heißt es: "Jedes Haus eine Festung!" Außerdem ruft der Kreisleiter die Bevölkerung auf, jeder solle sich vornehmen, einen Panzer zu knacken und zehn Feinde umzulegen. Nachdem also keinerlei Anstalten getroffen werden, die Stadt zu übergeben, führt der Feind drei schwere Bombenangriffe gegen die Stadt. In unseren Hof fällt eine Bombe, der Anbau ist zerstört, das Haus schwer beschädigt.

Mittwoch, 11. April

Nach kurzen Straßenkämpfen - am Vormittag war MG-Feuer aus Richtung Steinstraße zu hören - wird Schweinfurt von den Amerikanern eingenommen. Als wir mittags den Keller verlassen, sehen wir die ersten amerikanischen Soldaten, wie sie Häuserzeile am Zeughausplatz Richtung Manggasse entlangpirschen, in jeden Hauseingang ihr Gewehr halten und und dabei ausrufen: " Daitsche Soldatt!" Aber da waren schon lange keine mehr. Wir wurden aufgefordert, zum Zeichen der Übergabe alle Häuser weiß zu beflaggen, was wir mit Betttüchern bewerkstelligten. Angeblich werden Häuser ohne weiße Fahnen in die Luft gejagt. Auf dem Heimweg sehen wir einen rastenden Trupp amerikanischer Infanterie mit Granatwerfer. Wir schauen uns im Vorübergehen an und keiner nimmt Notiz vom anderen. Die Nacht verbringen wir sicherheitshalber nochmals im Linden-Keller, vielleicht gibt's doch noch deutsche Gegenstöße?

Donnerstag, 12. April

Wir beginnen mit dem Schutträumen in Haus und Wohnung. Plötzlich ruft eine Nachbarin zu: "Geht sofort in den Keller, auf der Straße treiben sie die Frauen zusammen!" Nachdem wir eine Zeitlang im Keller sind, nichts sehen, nichts hören, packt Mutter die Neugier. Wir schleichen in den ersten Stock und lugen vorsichtig aus dem Fenster. Da merken wir, dass noch mehr Leute aus ihren Fenstern schauen, außerdem ist nur ein einziger bärtiger Amerikaner zu sehen, der Befehle brüllt und mit dem großen Revolver in der Hand herumfuchtelt. Mutter ruft ihm zu: "Proklamation?" Das versteht er, erleichtert nickt er und deutet in die Richtung, wo wir hinsollen. Also gehen wir zum Zeughausplatz, wo ein kleines amerikanisches Fahrzeug steht, besetzt mit zwei Soldaten. Man hält uns aber keinen Vortrag, sondern bedeutet uns nach längerer Wartezeit, dem Fahrzeug zu folgen. Es geht durch die Manggasse, über den Roßmarkt und Jägersbrunnen, Rüfferstraße, Wilhelmstraße. Da fällt uns auf, dass zahlreiche Jagdflugzeuge über uns kreisen. Sofort entsteht das Gerücht: "Die treiben uns zusammen und machen uns dann von der Luft aus nieder!" Die Leute sind alle so apathisch, dass keiner ans Ausreißen denkt, sondern sich in ihr Schicksal ergeben. Gewohnt, Befehle zu befolgen, trotten sie weiter. Der Sammelplatz befindet sich nahe dem Goethe-Bunker. Stundenlang liegen wir in der Hitze und warten. Dann kommt der Aufruf: " Alle über 70-jährigen Personen antreten!" Kurz darauf sehen wir, dass die alten Leute an einer Filmkamera vorbeiziehen müssen. Für die amerikanische Wochenschau wohl? Nach weiteren Stunden des ungewissen Wartens heißt es auf einmal, wir könne wieder heimgehen. Und schon wird ein neues Gerücht geboren: "Man hat uns nur zusammengetrieben, damit die polnischen Fremdarbeiter in der Stadt freie Hand zum Plündern haben." Voll Angst und Sorge hasten wir heim, aber es war alles noch da. Die Nacht verbringen wir mit Familie F. im Zeughaus-Keller.

Freitag, 13. April

Durch eine deutsche Granate bricht in der Kirchgasse Feuer aus, dem fast drei Häuserviertel zum Opfer fallen.

Samstag, 14. April

Gestern und heute säubern wir die Küche, so dass wir wieder wohnen können.

Sonntag, 15. April

Früh ist der Dachdecker da und deckt unser Dach. Nachmittags bringen wir die Fenster in Ordnung.

Montag, 16. April

Ausländer sowohl als auch Deutsche plündern die Geschäfte in der Stadt. Bei Karch bekommen wir Fleisch ohne Marken.

 

Die Kriegserlebnisse von Frau Elfriede Leubner

erzählt Herrn Peter Hofmann am 28.09.2014

Es war am 17. August 1943. Frau Elefriede Leubner, damals wohnhaft in der Neutorstraße 32, war zusammen mit ihrer Freundin Martha Hartmann (aus der Familie der Brauerei Hartmann am Wall) mit dem Fahrrad zur Werrn zwischen dem damaligen Militärflugplatz und der Stadt gefahren. Das Wetter war toll und dort angekommen, legten sie die Oberkleider und legten sich zum Sonnen ins Gras.

Gegen 16 Uhr heulten plötzlich Sirenen auf, die deutlich von der Stadt her zu hören waren. Beide sprangen auf und zogen sich sofort an. Martha meinte noch:" Sollen wir wirklich hier weg? Ist doch ohnehin nur wieder so ein Probealarm!" Doch Elfriede wollte nicht bleiben. Den Anweisungen folgend sahen sie sich nach der nächsten Schutzmöglichkeit um und sie rannten mit ihren Fahrrädern zu einer nahegelegenen Gärtnerei. Am Zaun angekommen, fragten sie, ob sie mit in den Keller dürften und im gleichen Moment gab es gewaltigen Bombeneinschlag in der Nähe. Sofort suchten alle die Schutzräume auf. Ca. 45 Minuten lang hörten sie Bomben und Flak. Schließlich kehrte Ruhe ein und man trat wieder ins Freie.

Elfriede und Martha stockte der Atem, als sie in Richtung Werrn sahen. Genau dort, wo sie kurz zuvor sich gesonnt hatten, befand sich nun ein großer Bombentrichter. Dies war wohl die erste Bombe, die sie zuvor gehört hatten. Wären sie dort geblieben, hätte die Bombe sie in Stücke gerissen.

Mit zitternden Knien machten sie sich mit ihren Fahrrädern auf den Rückweg in die Stadt. Mit Bangen dachten sie darüber nach, ob ihre Familie noch am Leben war, ob die von ihnen bewohnten Häuser getroffen wurden.....

Das erste Stück Straße konnten sie noch fahren; doch je näher sie der Stadt kamen, desto mehr Bombentrichter und Trümmerteile erwiesen sich als Hindernisse. In der Niederwerrner Straße packte sie das Entsetzen. Überall Trümmer, Bombentrichter und stark beschädigte Häuserfassaden. Manche Häuser hatten keine Front mehr und mehrere Zimmer waren ohne Außenwand.

An der Kreuzung Niederwerrner Straße/ Neutorstraße trennten sich die beiden Freundinnen. Bangen Schrittes eilte sie die Neutorstraße hoch. Viele Häuser waren zerstört, doch das Haus, in dem wohnte, war bis auf zerbrochene Fensterscheiben unbeschädigt. Die Straßen seite gegenüber jedoch war ein Bild des Grauens. Die Häuser waren weitgehend zerstört.

Am Tag darauf machte Elfriede Leubner heimlich Fotos aus ihrem Fenster (was strengstens verboten war und mit Verhaftung geahndet wurde).

Neutorstraße 32 - August 1936
Neutorstraße 32 - August 1936
Frau Leubner als Schülerin auf dem Wall am "Höpperle" (Schweinehirtenturm)
Frau Leubner als Schülerin auf dem Wall am "Höpperle" (Schweinehirtenturm)

Zur Statistik:

Der erste Bombenangriff:

17.08.1943 15.56 bis 16.20 - 300 Flugzeuge

1 Mine, 1.200 Sprengbomben, 1.800 flüssige Brandbomben

Schäden vor allem in der Altstadt, auf dem Industrie- und Bahnhofsgelände, in Oberndorf und im nordwestlichen Stadtbezirk

 

Kriegserlebnisse von Frau Ilse Rankl, geb. Feyh

Am 17. August 1943 wollte ich (13 Jahre alt) am Nachmittag mit meinem einjährigen Bruder im Kinderwagen, zusammen mit meiner Freundin Kitty (siehe von dieser nachfolgenden Bericht), die auch einen kleinen Bruder im Kinderwagen zu betreuen hatte, am Main spazieren gehen. Da heulten plötzlich die Sirenen, die sich näherende Kampfbomber ankündigten, und wir eilten sofort zu Kittys Wohnung zurück, die am Ende der Brückenstraße in der Nähe der Maxbrücke lag. Kittys Mutter riet mir, doch bei ihr den Luftschutzkeller aufzusuchen. Aber davon wollte ich nichts wissen und rannte so schnell ich konnte mit dem Kinderwagen die Brückenstraße entlang Richtung Rathaus.

Da begann schon die Flak mit Fliegerabwehrkanonen zu schießen. Als ich die Torbögen des Rathauses durchquerte, krachte es bereits irgendwo in der Ferne; die ersten Bomben fielen auf die Stadt. Die Straßen waren menschenleer, nur ein einsamer Mann beim Rathaus schrie mir zu, doch sofort einen Luftschutzkeller aufzusuchen. Doch wie besessen sauste ich mit dem Kinderwagen weiter der Adolf-Hitler-Straße (heute Spitalstraße wie schon vor 1933) zu. Da fielen Bomben schon bedeutend näher und ich lief, jetzt um mein Leben fürchtend, so schnell ich mit dem Kinderwagen nur konnte, weiter bis zur Hausnummer 21, wo ich wohnte. Wir kamen unversehrt an. Mit dem Brüderchen auf dem Arm suchte ich den heimischen Luftschutzkeller auf. Ich wurde schon sehnlichst erwartet. Der Lärm der fallenden Bomben hatte sich inzwischen noch mehr verstärkt und durch den Kellerboden lief es wie Wellen. Ich hatte große Angst, aber wir hatten Glück und kamen ungeschoren davon.

Das war mein Erlebnis beim ersten Angriff auf Schweinfurt.

Spitalstraße 21 vor 1931
Spitalstraße 21 vor 1931

Am 14. Oktober 1943 hatten wir nachmittags Schule und saßen beim Unterricht in dem Gebäude "Loge" in der Neutorstraße, das zu unserer "Mädchenoberrealschule An den Schanzen" gehörte. Ich besuchte die 3. Klasse (heute 7.Klasse). Da kündigten die Sirenen erneut Fliegeralarm an und die ganze Klasse suchte zusammen mit einer weiteren Klasse und den dazu gehörigen Lehrerinnen den sogenannten Luftschutzraum unterhalb der Loge auf. Außer ein paar ausgedienten Bänken aus dem Turnsaal, die keine Sitzgelegenheiten für so viele Kinder boten, gab es da nur einen großen Kohlenhaufen. Also setzten wir uns auf die Kohlen.

Und dann ging es los: Unzählige Bomben fielen auf die Stadt, der Boden wackelte, der Lärm war ohrenbetäubend. Einige Mitschülerinnen begannen zu jammern und zu weinen. Bis jetzt hatte ich Fassung bewahrt und versucht, meine heulende Kohlensitznachbarin zu trösten. Aber dann begann eine der Lehrerinnen das Vaterunser zu beten. Das gab mir den Rest. Ich glaubte, dass eine der nächsten Bomben bestimmt uns treffen würde und ich gleich tot sein würde.

Doch nach 24 Minuten war der Albtraum vorbei, die Sirenen heulten schließlich Entwarnung und wir konnten den Keller wieder verlassen. Aber wie sah die Stadt Schweinfurt aus! Ich eilte an zerstörten Häusern vorbei nach Hause ud erwartete eine Ruine. Aber nur eine Brandbombe war in den Dachboden gefallen und der Brand konnte sofort gelöscht werden.

Das war unser letzter Schultag bis zum Jahre 1946.

Erst 1946 öffnete sich wieder das Schultor der "Oberrealschule für Mädchen An den Schanzen" und es begann ein einigermaßen normaler Unterricht ohne Schulbücher, denn die alten waren alle nicht mehr zugelassen. Auch an Heften und sonstigen Schreibutensilien mangelte es. Wir hatten manchmal vormittags und manchmal nachmittags Unterricht. Mehr begehrt war in der Winterzeit der am Vormittag, denn da strahlte der Ofen, der das Klassenzimmer erwärmen sollte, wenigstens noch etwas Gemütlichkeit aus. Nachmittags war es kalt. So holte ich mir in der Schule an zwei Zehen Frostbeulen, denn mit warmer Kleidung war es damals sehr schlecht bestellt. Schließlich waren wir im Alter von 9 Jahren Kriegskinder geworden, jetzt waren wir 16 Jahre alt. Die Kleidung war  nnicht mitgewachsen und neue gab es nur auf Bezugsscheine, die man nur sehr schwer erhielt. So wurden die Kleidungsstücke säuberlich zertrennt und neue daraus hergestellt. Aus alten Vorhängen wurden Kleider genäht, die Mutter einer Freundin fertigte für ihre Tochter zum Abschlussball unserer Tanzstunde 1947 daraus ein langes Abendkleid, das viel Bewunderung auslöste. Wir waren glücklich und vermissten eigentlich gar nichts. Wie es war, so war es! Allen erging es ja gleich; jede zusätzliche Kleinigkeit löste Freudesstürme aus. Anspruchsdenken kannten wir nicht.



 

 

Erinnerungen von Kitty Martin-Kleemann (Schonungen)

Im Jahre 2015 zeichnet Frau Martin-Kleemann ihre Erinnerungen an ihre Konfirmation im Jahre 1945 auf (als 84-jährige)

Im Allgemeinen wird man im Alter von 14 Jahren konfirmiert. Das sollte auch in meinem Fall so sein, allerdings mit außergewöhnlichen Hindernissen, denn.......


Das schwarze Kleid war erworben, selbstverständlich auf Textilmarken, wie es damals üblich war, die nur für ein kleines, dünnes Fähnchen reichten. Die Ruinen, verursacht durch den letzten Luftangriff, schwelten noch, die Luft in Schweinfurt war immer noch vom Rauch geschwängert und die Johanniskirche, von Bomben getroffen, war in der Mitte durch Bretter vom Chor getrennt. Hier sollte 14 Tage später meine Konfirmation stattfinden.

Aber es sollte anders kommen. Ein Bote aus der Stadt eilte nach Schonungen, wo meine Familie Zuflucht gefunden hatte, denn unser Haus in der Stadt war durch eine Stabbrandbombe getroffen worden. Die Fenster notdürftig mit Drahtglas verbarrikatiert, zog es im Innern an allen Ecken und Enden.

Dieser Bote vermeldete, dass die Konfirmation um 14 Tage vorverlegt wird, nämlich auf den 1. April 1945, einem Ostermontag. Grund hierfür war, dass die Amerikaner bereits in Würzburg standen und der Anmarsch auf Schweinfurt begann. Man rechnete mit dem Schlimmsten. Mein Onkel, der als HNO-Arzt noch praktizieren durfte, verfügte über ein Auto und so wurde ich mit Familie in Schonungen für den Kirchgang abgeholt. Das war jedoch gar nicht so einfach, da feindliche Tiefflieger im Anflug waren. Eine Junge saß auf dem vorderen rechten Kotflügel und hatte die Straße im Blickfeld. So erreichten wir mit viel Glück und glücklich das Martin-Luther-Haus, wo sich die Konfirmanten trafen, um gemeinsam in die Johanniskirche zu ziehen.

Kaum aber begann die feierliche Handlung, da heulten schon wieder die Sirenen auf. Ein Ton, der mich auch heute noch, nach 70 Jahren, erschauern lässt: 3 lang gezogene Heultöne, die so viel wie Voralarm bedeuten. Der Gottesdienst ging jedoch ungeachtet der bestehenden Gefahr weiter und wir erhielten also kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, vom Fliegeralarm begleitet, den Segen.

Eine Konfirmation, die einem ein Leben lang in Erinnerung bleibt.